Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 16.1905

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DIE MODERNE IN WIEN.

Es ist unheimlich zu sehen, mit welcher
Behendigkeit vom Publikum — und
nicht nur von diesem! — alles missver-
standen wird. Eine Komödie der Jungen
— die sich im öffentlichen Zuschauerraum
abspielt, in jener kompakten Majorität, die
nichts so sehr braucht und nichts so sehr
fürchtet, als die schöpferische Arbeit der
Eigenart. Das ergötzliche Schauspiel ge-
währt befreiendes Lachen über die Unfehl-
barkeit jener Instinkte, die mit tödlicher
Sicherheit daneben tasten, und verständ-
nisfreudig die gefälligen Surrogate, die an-
mutigen Fälschungen entgegenkommender
Zwischenhändlerkunst bevorzugen. Es ist
ein öffentliches Geheimnis, die Kunst auf
den Schokoladen - Schachteln ist beim
deutschen Volke noch bei weitem beliebter,
als Meisterbilder. Man
könnte über alle diese
öffentlichen Irrungen
und Missverständnisse
ein sehr ergötzliches
Buch schreiben, eine
Art moderne Eulen-
spiegelei, die das An-
steckendste und zu-
gleich Heilsamste, das
die Welt kennt, das
befreiende Lachen,
gewährt, aber im
Kerne freilich eine
bitterböse Wahrheit

verbirgt. Aus diesem ungeschriebenen
Buche will ich nur ein paar Andeutungen
geben, die unser Thema, die Wiener
Moderne, berühren. Die freundschaftlichen
Versicherungen des Auslandes, dass die
Wiener Kunst am Hund sei, keiner Ent-
wicklung fähig, eitel Spielerei, Putz, Zier-
macherei, brauchen einem weiter nicht ver-
wundern, wenn man bedenkt, dass man im
benachbarten Ausland die Wiener Kunst
viel zu wenig kennt, um den Weizen von
der Spreu zu sondern.

Darin stimmt die Wiener Bewegung
mit den Erscheinungen in anderen Kunst-
zentren überein, dass neben der guten
Aussaat in dem aufgelockerten, frucht-
baren Boden das wilde Gestrüpp angeb-
lich sezessionistischer Stilerfindung über-
wuchernd ins Kraut
schoss, das in Deutsch-
land den Namen
»Jugendstil«, und bei
uns sonderbarerweise
» gemäßigte Moderne«
heisst. Es ist jene
Krankheits - Erschei-
nung von der Her-
mann Muthesius in
seinem neuen Buche
»Kultur und Kunst«,
das jeder moderne
Kulturmensch gelesen
haben muss, unter

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Holzdose.

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