Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 16.1905

Page: 499
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/dkd1905/0114
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
WALTER LEIST1K0W—BERLIN.

Villa.

WALTER LEISTIKOW—BERLIN.

Von HANS ROSENHAQEN.

Ist es nicht eigentlich sehr wunderbar, dass
ein Künstler, der im gewissen Sinne die
üblichen Vorstellungen vom Landschaftsbilde
mit seinen Schöpfungen über den Haufen
warf, in wenigen Jahren fast unbestrittene
allgemeine Anerkennung erlangt hat? Wäre
es denkbar, dass ein Porträtmaler, der es
unternähme, den Menschen so zu stilisieren,
wie es Walter Leistikow mit der Natur tut,
sich im Sturme der Meinungen als Sieger
behaupten könnte? Warum steht man in
dem einen Falle dem Maler sympathisch, in
dem anderen mit starken Bedenken gegen-
über? Weil der Mensch als Einheit, die
Natur aber als Vielheit empfunden wird.
Jene glaubt man übersehen zu können; dieser
gegenüber fühlt man sich verwirrt und über-
lässt sich daher gern einer Führung. Der
Wunsch der Allgemeinheit, einen Weg zu
den grossen und kleinen Wundern der Natur
zu finden, in Ruhe geniessen zu können,
was in tausendfältiger Gestalt auf die mensch-
liche Empfindung eindringt, hat den grossen
Erfolg der Landschafter von den hollän-
dischen Künstlern des 17. Jahrhunderts an
mos. v 111.6.

bis in die Gegenwart hinein entschieden.
Und nicht nur die Fülle der Landschafts-
bilder, sondern auch ihre Verschiedenheit
untereinander, die bis zur ausgesprochenen
Gegensätzlichkeit geht, beweist, dass der
Möglichkeit, sich der Natur zu nähern, un-
endliche sind; dass es im Grunde immer
nur auf die Empfindungsart der Künstler
angekommen ist, welche Züge der Natur
der Menschheit als die wesentlichen und als
die unwesentlichen erschienen. Die Wirkung
des Landschaftsbildes wird daher immer be-
dingt sein von der Stärke der Empfindung
des Künstlers und von dessen Fähigkeit,
seine Empfindungen klar auszudrücken, und
sie wird umso weitere Kreise ziehen, je ein-
facher und je verständlicher der Künstler
sich äussert. Leistikows Erfolge hängen
hiermit auch aufs innigste zusammen.

Man versteht Leistikow nicht, wenn man
meint, er sei zu seiner Art, sich über die
Natur zu äussern, durch Überlegung gelangt.
Ganz im Gegenteil! Wer den Künstler von
seinen Anfängen her kennt, weiss, dass er
zuerst in dem von Andreas Achenbach und

499
loading ...