Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 16.1905

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Anton Jaumann: Moderne Lichtmalerei.

arthur schmtdt-berlin.

Aus dem Damen-Wohnzimmer S. 421.

kalten schattigen Flecken, die wechselnd
vordrängen und zurückgehalten werden.

Sicherlich hat die bevorzugte Pflege des
Lichts, welche die Malerei der Gegenwart
auszeichnet, historische Gründe. Sie hängt
zusammen mit der Sehnsucht nach Wahrheit
und Natürlichkeit, welche die von dem
falschen Prunk des zweiten französischen
Kaiserreichs und des darauffolgenden Neu-
Deutschlands und ihren historischen Aus-
stattungsbildern abgestossenen Maler hinaus-
trieb unter den freien Himmel, wo sie als
schwierigstes Problem die Wiedergabe des
Lichtes fanden. Allein das Licht war oder
wurde ihnen mehr als Problem. Sie erkannten
in ihm eine Fülle von Poesie, sie sahen es
Wunder wirken an Schönheit. Und sie
begannen es zu lieben. Sie liebten diese
freudige, herzbefreiende Helligkeit des plein-
air, sie schwelgten in den Gluten des
Mittags, sie versenkten sich in den gross-
artigen Rhythmus des täglichen Sonnenliedes
von Nacht und Tag, von Aufgang und
Untergang. Die Augen badeten im Licht,
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in diesem Starken, Feinen, ätherisch Zarten,
das wie eine frohe Botschaft vom Himmel
hernieder weht, das alles Irdische und alle
kleinliche Misere des Menschenlebens ver-
klärt und in lichtere Sphären erhebt. Ja, in
diesem Kult des Lichts liegt, unbewusst
vielleicht oder nur zaghaft geahnt, so etwas
wie eine Weltanschauung: die Liebe zum
Licht ist nur der Ausdruck des Gefühls für
die kosmische Stellung des Menschen, der
mitsamt der Erde, die ihn trägt, alles, gar
alles, was er hat, der Sonne verdankt, die
die Erde gebar und durch die Weltenräume
führt, die alles Leben um uns hervorrief und
unterhält, die uns Licht und Wärme spendet,
ohne die unser Sein nicht denkbar. Wir
sind durch ewige unlösbare Bande mit der
Sonne verknüpft, Bande, die zugleich Mensch
und Tier und Pflanze an einander und an
die Erde knüpfen. Fühlt sich der Mensch
durch das Licht und die Lichtmalerei in
seinem Selbstbewusstsein herabgesetzt, so
hebt ihn doch wieder der Gedanke an den
Zusammenhang mit dem All. anton jaumann.
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