Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 16.1905

Page: 438
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/dkd1905/0051
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Wilhelm Michel: Münchner Graphik: Holzschnitt und Lithographie.

GUSTAV BECHLER—STEINBERG.

seinem Epigramm »Der Chinese in Rom«
der ostasiatischen Kultur gegenüber auf den-
selben Standpunkt, den er auch hinsichtlich
des ägyptischen und indischen Altertums
einnahm: Er betrachtete sie als Kuriositäten
ohne jeden bildenden Wert. Und nun stehen
die Enkel und Urenkel dieser Männer vor
denselben Werken mit einem Gefühle tiefer
Beschämung und klagen angesichts der
hohen Kultur, die sich darin ausspricht, über
die stillose Barbarei, welcher das alte Europa
anheimgefallen ist.

Neben dem japanischen Holzschnitt war
es das moderne Sehen, welches unsere
Künstler den graphischen Techniken in die
Arme führte. Das durch die Malerei des
19. Jahrhunderts geschulte Auge hat gelernt,
charakteristisch und in grosszügigen Abbre-
viaturen zu sehen. Das impressionistische
Prinzip — in der Malerei von kurzer Dauer
und zu unerträglichen Konsequenzen führend
— hat sich als graphisches Prinzip erwiesen
und befruchtet unseren Holzschnitt und
unsere Lithographie in höchst verheissungs-
voller Weise. Es lehrt den Graphiker die
Charakteristik der Form, der Bewegung und
der Farbe erfassen, es lehrt ihn die Model-
lierungen des alleinseligmachenden Lichtes
438

Original-Holzschnitt: Scheidender Winter.

schätzen und die Schatten zu jenen Flächen
binden, die dem Holzschnitt als Material
so gefällig entgegenkommen. So hat das
moderne Sehen zwar der breiten kolo-
ristischen Welt - Anschauung des Ölbildes
manchen Abbruch getan, aber es hat auch
den Zug zur Graphik wesentlich gestärkt.
Es hat die Freude an der Schilderung des
Gegenständlichen beeinträchtigt und uns
dafür die Freude an der Charakteristik ge-
geben. Das Auge des modernen Künstlers
war zuerst unersättlich und entdeckungs-
gierig, aber es endigte damit, das sein Sehen
einfach, primitiv, graphisch wurde.

*

Gründe psychologischer und historischer
Art sind es also gewesen, die den modernen
Aufschwung der Graphik herbeigeführt
haben. Die psychologische Abgrenzung des
Ölbildes von der Graphik hat vor Jahren
schon ihren Lessing gefunden, nämlich in
Max Klinger, dessen Schrift »Malerei und
Zeichnung« heute noch von grundlegendem
Werte ist. Wir besitzen in ihr eine empirische
Spezial-Ästhetik voll hoher Sagacität, einfach
wie das Ei des Kolumbus, aber gleichwohl
für den Laien wie für den Praktiker von
grösster instruktiver Bedeutung.
loading ...