Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 16.1905

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Wilhelm Michel—München :

OTTO SCHNARTZ—MÜNCHEN.

des an sich guten Gedankens als gerade
diese. Denn sie stellt das Praktische und
Ästhetische als gesonderte Teile neben ein-
ander, sie sagt kein Wort über ihre innige
Identität, sie verleitet zu unwahrer und un-
organischer Dekoration, und nur sie ist schuld
an jenen Tausenden von Fassaden, die als
triste »schöne« Schürzen über dem Rohbau
hängen und von seinem Leben, seiner wahren
Gliederung nicht das Mindeste verkünden.
Dafür streuen sie aber Lügen der schlimmsten
Art mit der Stentorstimme des Hausteins
oder dem schwächlichen Gelispel des Putz-
baues über den Markt. Oft mögen sich
diese steinernen Hochstapler auf die etymolo-
gische Weisheit berufen, dass »schön« von
»scheinen« kommt, dass das Wort »schön«
den Dualismus von Schein und Wesen schon
in sich birgt. Setzt man aber anstatt scheinen
»erscheinen«, so ist die wahre Einheit der
praktischen und ästhetischen Forderung wieder
hergestellt, und schön ist dann nur das Bau-
werk, das wirklich als die »Erscheinung«
seiner Idee (das Phainomenon seines Noume-
nons) gelten kann.

Hoch über allen Anforderungen eines

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Entwurf zu einem herrschaftlichen Wohnhaus.
(Im Wettbewerb W. Girardet—Essen angekauft.)

rückständigen Schönheits - Sinnes steht die
Wahrheit, diese Seele jeder Kunst, dieses
grosse regulative Prinzip alles menschlichen
Gestaltens. Die Wahrheit ist die Mutter aller
Reformationen und die Grundlage jeden
Fortschrittes, die allein den Menschen niemals
im Stiche lässt. Und zur Wahrheit sehen
wir die Baukunst unserer Tage nun wieder
durchbrechen, voller Begierde, zu ihren Füssen
ästhetische Resignation zu lernen, die längst
als der erste Schritt zu kraftvollen neuen
Formen, zu kühnerem Gestalten der Zukunft
erkannt ist.

Otto Schnartz gehört zu den Männern,
in denen dieser gesunde, rücksichtslose
Wahrheitstrieb machtvoll in die Erscheinung
tritt. Was in vielen Geistern als Sehnsucht
vorhanden war, was Männer wie Theodor
Fischer zuerst der Welt zu zeigen gewagt
haben: die heilige Strenge der Gesamt-
erscheinung, die ästhetische Enthaltsamkeit,
die rücksichtslose Wahrheit der Konstruktion,
all das wirkt bestimmend auf seine Bauten
ein und gibt ihnen ihr charakteristisches
Gepräge. Schnartz verzichtet darauf, alle
ästhetischen Forderungen, die reiche und
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