Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 16.1905

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Wilhelm Michel—München: Otto Schnartz.

struktion des modernen Architekten wie des
Volkes, das bis in die gebildeten Kreise
hinein oft eine sehr schädliche Anhänglich-
keit an längst vermoderte »Stile« (will sagen:
Dekorations-Manieren und architektonische
Posen) bekundet. Aber eine Kopie erscheint
den leitenden Kreisen offenbar immer noch
als das »kleinere Übel«.

Uber die Krematorien lässt sich kaum
etwas sagen, als dass sie durchgehends die
nämlichen Vorzüge aller Schnartzschen Bauten
aufweisen: Einfachheit, Wahrheit, Schlag-
fertigkeit der architektonischen Erfindung.
Der Entwurf für ein Amtsgericht in Rothen-
burg veranschaulicht als zweites Beispiel, was
Schnartz unter »Anpassen« versteht, nämlich
nicht Kopierung alter Motive, sondern Er-
fassung des Wesentlichen im Geiste der Um-
gebung und Einstimmung in seinen allge-
meinen Grundton. Schroffe, unhistorische
Gegenüberstellung von Altem und Neuem
kann man Schnartz bei aller Prinzipientreue
wohl kaum zum Vorwurfe machen. Im
Gegenteil, manchmal scheint er mir in diesem
löblichen, bescheidenen Anpassungsstreben
sogar zu weit gegangen zu sein. Gerade
das erwähnte Amtsgericht hat schier allzu
behagliche, plauderhafte Formen angenommen,
die mit der Bestimmung des Gebäudes in
einigem Widerspruch stehen. Und das Portal
der Dorfkirche weist gar deutlich erkennbare
Hochrenaissance-Motive auf, die unbeschadet
des Anpassungsprinzipes wohl besser ver-

o. schnartz—München. Entwurf »Vorstadthaus«.
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o. schnartz—München. Entwurf »Zwei-Familienhaus«.

mieden worden wären. Ganz und gar frei
von Einwirkungen vergangener Zeit er-
scheinen dagegen die Schulhaus-Entwürfe,
deren Eindruck bei allem spielenden Reich-
tum baulicher Gestaltung von einer keuschen,
stolzen Simplizität bestimmt wird. Auch in
den abgebildeten Beleuchtungskörpern bleibt
Schnartz seinem Prinzip »Gestalten, nicht
verzieren« vollkommen treu.

Otto Schnartz ist ein Mann der Praxis
und der Werkstatt. Einseitige Prinzipien-
reiterei liegt ihm so ferne wie chaotischer,
undisziplinierter Eklektizismus. Die Baukunst
ist ihm keine »erstarrte Musik«, wie Schelling
und andere sagten, sondern in erster Linie
eine Dienerin menschlicher Bedürfnisse, die
nur durch Resignation und bescheidene
Tüchtigkeit dem unwahren Ästhetizismus
des Epigonentums entrissen werden kann.

Schnartz war jahrelang als Leiter der
Architektur-Abteilung bei einer der grössten
sächsischen Baufirmen tätig. Ich führe zum
Schlüsse noch kurz die hauptsächlichsten
seiner ausgeführten Bauten an: das Offiziers-
Kasino des 11. Gren.-Regiments in Breslau,
das Offiziers-Damenstift Charlottenheim in
Krummhübel, Wohnhaus Kori in Lichterfelde,
Kinder - Heilstätte von Hofrat Schmitt in
Reichenhall. — wilhelm michel—München.
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