Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 16.1905

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E. W. Bredt—München:

Edward gordon craig. Kostüm-Entwurf für »Nordische Heerfahrt

Es wäre übrigens hier der Einwand
denkbar, jene schlichten Baumeister des
Mittelalters seien nur zum Handwerk und
nicht zu den Künstlern zu zählen, und ihr
Verhältnis zu den Werken früherer Epochen
sei deshalb nicht für uns maßgeblich. Aber
wollte man sonderbarer Weise wirklich jenen
Meistern der Gotik das Recht entziehen,
künstlerisch d. h. in künstlerischer Anschau-
ung und Offenbarung uns etwas sagen zu
können, so bleiben uns ja aus dem 16., 17.,
18. Jahrhundert noch viel mehr bedeutsame
Bauten, die alle jene Frage der Gleichberech-
tigung sehr bestimmt mit »ja« beantworten.

Wie lang wäre wohl die Liste nur
deutscher Städte, die ein Rathaus aus der

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Zeit des 16. Jahrhunderts und ganz
im Geschmacke der Renaissance
ausgeführt besitzen, das dicht neben
einer gotischen oder noch älteren
Kirche errichtet wurde, oder das
doch zu der bis dahin erworbenen
Kunst - Physiognomie der alten
Stadt in direktem Gegensatz trat?
— Sollte übrigens dieser Gegen-
satz nicht ganz unabhängig von
ästhetischer Würdigung seitens der
Zeitgenossen absichtlich gewollt ge-
wesen sein, sollte denn die neue,
damals moderne Bauform nicht
sehr nachdrücklich dem Fremden
sagen: unsere Stadt ist ganz auf
der Höhe der Zeit, sie hat Ver-
mögen und Macht genug zum
allerwenigsten in ihrem Stadthaus
zu beweisen, dass die früheren
Zeiten überflügelt und diese uns
nicht mehr Vorbild sein können?
So entstanden jene vielen reiz-
vollen Bilder »altdeutscher« Städte:
Romanisches und Gotisches und
Werke der Renaissance in einem
Gesichtswinkel vereinigt.

Je mehr die Gegner unserer
modernen Richtung auf solche
Bilder achten würden, um so rascher
würden sie sich mit unserem Wollen
vereinigen. Denn indem sie die
Möglichkeit eines geradezu wohl-
tuenden Nebeneinanders zweier
durchaus entgegengesetzter Bauprinzipien zu-
geben würden, würde das Auge die Baukunst
der Renaissance und unserer Jugend gleich-
zeitig — entweder verurteilen oder vertei-
digen. Denn die Annahme der Renaissance
in Deutschland war zunächst Liebhaberei,
Mode, sie war keinesfalls die Fortsetzung
einer durch Gebrauch geheiligten Entwick-
lung. Aber die Mode erwuchs aus Reaktion,
wodurch auch der Umschlag unserer neuen
Bildungsweise vorläufig erklärt sein mag.
Doch dieses Ergebnis solcher Beobachtungen
an den Architekturbildern Deutschlands, die
Korrektur des Vorurteiles gegen eine neue
künstlerische Richtung, ist für unsere Frage
nur ein nebensächliches. Das wichtigste Er-
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