Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 16.1905

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Adolph Vogt: Die Plakatwand.

harmonieren. Beides trifft aber bei unsern
Plakatwänden nicht zu. Das Grau der Steine
und des Asphalts ist als Hintergrund für
lebhafte Farben nicht ungünstig, manches
bunte Glasmosaik ist dessen Zeuge. Doch
passt auf diesen Grundton selbstverständlich
nicht jede lebhafte Farbe. Die Absicht des
Plakats, kräftig und auf weite Entfernungen
zu wirken, sei anerkannt, so bleibt doch immer
noch eine grosse Aus-
wahl unter den leuch-
tenden und inten-
siven Farben, und es
gibt deren genug, die
sich auch der Har-
monie der Strasse ein-
fügen. — Hielte man
diesen Gesichtspunkt
im Auge, wählte man
nur solche Farben, die
dem Strassenton sich
anpassen, so wäre
schon ein Bindemittel
unter den Einzel-
Plakaten gefunden,
und die Harmonie
innerhalb der Plakat-
wand wäre angebahnt.
Dass mit der Zeit sich
auch eine bestimmte
Technik als die vor-
nehmste u. wirksamste
und zugleich billigste
herausstellen möge, ist
wohl ebenfalls nicht
zu optimistisch gehofft. — Ein wirklich
schwieriges Problem bietet erst die Gestal-
tung des Wand-Ensembles. Das harte Auf-
einandertreffen der Plakate ist ein Übel.
Da jedes von ihnen etwas anderes sagt und
will, so streben sie ihrem ganzen Wesen
nach auseinander. Jedes möchte am liebsten
für sich sein und wirken. Da dies aber
nicht möglich, so sollte wenigstens zwischen
den einzelnen Plakaten ein, wenn auch
kleiner, Zwischenraum bleiben, ein Zwischen-
raum von neutraler Farbe, von der sich
die lebhafteren des Plakats abheben würden.
(Vielleicht ginge es auch mit Weiss als
Grundfarbe.) Aber auf wirtschaftliche Rück-
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W. V. BECKERATH.

sichten sollte man sich nicht hinausreden.
Denn ob es vorteilhafter ist, zwanzigmal
nebeneinander dasselbe Plakat zu kleben
und den Passanten durch das »Panther,
Panther, Panther, . . . .« und »Kubelik,

Kubelik, Kubelik.....« in Verzweiflung

und Wut zu bringen, oder das eine Blatt
durch den entsprechenden freien Raum um-
rahmen zu lassen, darüber dürfte bei einigem
Nachdenken kaum
ein Zweifel existieren.
Und bei kleineren
Tafeln muss eben die
Profitgier in Gottes-
namen etwas nach-
geben und nicht da-
rauf bestehen, dass
auch das kleinste
Fleckchen ausgenützt
werde. An der ge-
schmackvoll dispo-
nierten und farbig ab-
gestimmten Plakat-
wand werden dafür
auch die bescheide-
neren Grössen noch
zur Geltung kommen.
Ja, der günstige Ge-
samteindruck ist über-
haupt Vorbedingung,
will man den Passan-
ten zur Aufmerksam-
keit und wohlwollen-
den Lektüre veran-
lassen. — Die Be-

Ex libris.

trachtung von guten Plakaten in geschmack-
voller Disposition würde dann einen ähn-
lichen Genuss bereiten, wie der Gang durch
eine Sezessions - Ausstellung. Freilich wird
die Zusammenstimmung der Plakate desto
schwieriger, je ausgedehnter die Wand-
fläche ist. Darum sollte man, wo es irgend
geht, auf eine Dezentralisation hinarbeiten.
Die Strasse bedarf des farbigen Schmucks
in ihrer ganzen Ausdehnung; diesem Be-
dürfnis entsprechen am besten kleinere
Tafeln, die in Abständen verteilt sind.
Überdies ist es desto wahrscheinlicher, dass
ein Plakat im Vorübergehen gelesen werde,
je weniger davon nebeneinander hängen. —
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