Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 16.1905

Page: 754
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/dkd1905/0367
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
PAUL LANG, SCHRIFTEN UND ORNAMENTE.

er die Druckschriften des 15. und
16. Jahrhunderts kennt, weif), welche
Fülle verschiedener Lösungen einer
und derselben Aufgabe in ihnen be-
schlossen ist. Eine gar nicht sehr
große Anzahl von Grundcharakteren (Gotisch,
Antiqua, Fraktur u. s. w.) ist in unübersehbarer
Mannigfaltigkeit abgewandelt worden. An diesem
Reichtum gemessen ist die Produktion unserer
Tage, so gewaltig sie in die Breite geht, einfach
armselig. Abgesehen von einigen wenigen An-
stalten, bewegen sich unsere Schriftgießereien zu-
meist in ausgefahrenen Geleisen. Und wenn eine
neue charaktervolle Erscheinung auf den Plan tritt,
flugs ist auch schon die Nachahmung da, die ihre
Eigenart verwässert, die Neuheit dem bequemen
Fachphilister damit erst annehmbar macht und so
der wirklich künstlerischen Leistung — den Markt
verdirbt. Es fehlt vor allem an Selbstgefühl, an
jener Gesinnung, die den Buchdrucker der Früh-
zeit veranlagte, seine Schriften eigenartig und
charaktervoll zu halten. Es ist nicht so sehr der
Mangel an künstlerischer Potenz, was auf uns
lastet — hier, wie in anderen Gebieten — als der
Mangel an Stolz, an Ernst, an Ehrlichkeit.

Das sind wiederholt gesagte Dinge. Aber man
muß sich die Lage immer wieder vergegen-
wärtigen, will man einer Leistung gerecht werden,
die über das durchschnittliche Niveau hinausgeht.
Der Schriftgießer von heute wagt viel, wenn er
sich mit einem Künstler einlädt, wenn er es unter-
nimmt, eine wirklich neue, künstlerisch wertvolle
Schrift zu schaffen. Er kann sicher sein, daß
seine Arbeit über kurz oder lang nachgemacht
wird, und daß sich dann auch der „Fachmann"

— d. h. in diesem Falle ein Techniker, den künst-
lerische Fragen möglichst wenig beunruhigt haben

— finden wird, dessen sachverständiges Urteil
die armselige Nachahmung wider jeden Einspruch
seitens der gehabten Künstler und Kunstge-
lehrten siegreich verteidigt. Genug. Alle Hoch-
achtung jedenfalls vor der Schriftgießerei, die sich
dennoch nicht abschrecken läßt, mit einer künst-
lerischen Neuheit zu kommen.

Eine solche liegt hier vor. Die Schriftgießerei
Flinsch in Frankfurt a. M. hat im Mai dieses Jahres
ein Probeheft ausgehen lassen, das Schriften und
Ornamente des Maler-Zeichners Paul Lang (in
Crefeld) anzeigt und ihre Wirkung in einer Reihe
von geschickt gesetzten Anwendungsbeispielen
veranschaulicht. Versuchen wir uns an der Hand,
der hier mitgeteilten Proben ein Urteil zu bilden.

Die Schrift ist eine Lateinschrift, und ihr
Charakter ist deutlich dadurch bestimmt, daß
sie nicht mit der Feder geschrieben, sondern mit
dem Pinsel gemalt ist. Jedem Sachkundigen fällt
sofort eine andere Schrift der letzten Jahre ein,
von der dasselbe gilt, die Schrift Otto Eckmanns.

Der Vergleich ist lehrreich. Eine Reihe von Über-
einstimmungen ist unverkennbar. Zunächst finden
sich solche, die sich aus der Herstellungsweise
von selbst ergeben: die starke Abschwächung,
ja Beseitigung des Unterschieds zwischen Grund-
und Haarstrich, die eigenartig weichen Rundungen
der Linie. Es giebt hier kein An- und Abschwellen
des Strichs, bestimmt durch den größeren oder
geringeren Druck auf das Instrument beim Zeich-
nen oder Schreiben. Aber es giebt eigentümliche
Verdickungen, breite Ansätze und Ausläufe —
alles, wie es das Zeichnen mit dem Pinsel mit
sich bringt. Weiter hat unsere Schrift mit der Eck-
mannschrift gemein den geschlossen rechteckigen
Charakter der einzelnen Buchstaben und das Be-
mühen, möglichst breite horizontale Abschlüsse
unten und oben zu erzielen. Es liegt auf der Hand,
daß beide Eigenschaften eingegeben sind durch die
Rücksicht auf die Wirkung der Buchstaben im
Wort- und Zeilenbild. Sie sollen sich möglichst
gut unter Vermeidung von Löchern zusammen-
schließen und in der Zeile ein streng horizontal be-
grenztes Bild, wie ein Ornamentband, abgeben.

Trotz dieser Übereinstimmung im Grundsätz-
lichen, wirkt die Schrift ganz anders als die
„Eckmann", ja, ich glaube, auch dem guten
Kenner der Eckmannschrift wird diese angesichts
der Schrift Längs nicht sofort einfallen. Im Ein-
zelnen ist alles anders. Bei der Eckmannschrift
tritt der Charakter der Pinselschrift weit stärker
hervor: die Linien sind lebhafter bewegt, Schwell-
ungen und Verdünnungen in kräftigerem Gegen-
satz, die Füße und Köpfe fließen breiter aus,
das charakteristische Einwärtsschwingen der
Senkrechten läßt häufig ovale Zwischenräume
entstehen, die ganze Schrift macht einen schwe-
reren, gedrungeneren Eindruck.

Bei der Langschrift ist der Abstand von der
alten Antiqua nicht so groß. Die Balken sind
gleichmäßiger stark, die Senkrechten strenger
senkrecht, alle Verhältnisse ausgeglichener. So
wirkt die Schrift nicht so revolutionär, wie die
Eckmann. Sie nimmt sich, als eigentliche Antiqua
am besten im fremdsprachlichen (lateinischen,
französischen) Druck aus. Zu ihrem Lobe ist nun
vor allem zu sagen, daß der einmal angenommene
Charakter folgerichtig durchgebildet ist, daß sie
durchaus einheitlich und damit vornehm wirkt.
Ich will mich nicht bei einzelnen weniger gelungenen
Formen z. B. den starren Horizontalen hie und
da, gewissen Verdickungen, die im Gesamtbild
fleckig erscheinen u. a. m. aufhalten: der Gesamt-
eindruck ist gut. Man empfindet das gestaltende
Prinzip, das Ergebnis ist eigenartig und vornehm.
Es giebt genialere Schriften, gewiß. Diese ist die
gesunde Frucht einer theoretisch klaren, künst-
lerisch ernsthaften Arbeit. Ich wünsche ihr auf-
richtig einen vollen Erfolg. Prof. R. Kautzsch.
loading ...