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Gegend”, in der neben städtischen Bauten und
Einrichtungen wie Malzdare, Ochsenstall,
Schweinekoben auch das städtische Armen-
haus Radbrunnenstraße/Ecke Ziegelstraße lag.
Nur das Haus Ziegelstraße 66 (Zur Windmühle)
und die angrenzenden, inzwischen abgetrage-
nen Bauten aus der Mitte des 16. Jh. bzw. aus
den siebziger Jahren des 15. Jh. lassen sich
nicht in das sozialtopographische Schema der
Stadt einbinden, das ein eindeutiges Nordost-
Südwest-Gefälle erkennen läßt, mit einem klar
sich abzeichnenden Kulminationspunkt am
Kreuzungsbereich Markt - Lange Straße.
Die stete Hochwassergefahr, die nur begrenz-
ten Ausdehnungsmöglichkeiten der Siedlung
sowie die von ertragreichen Ackerflächen ge-
trennte Lage der heutigen Altstadt lassen einen
außerhalb des historischen Stadtgebietes ge-
legenen präurbanen Siedlungskern auf dem
hochwasserfreien, fruchtbaren Westufer der
Weser unmittelbar unterhalb des Zusammen-
flusses von Werra und Fulda vermuten. Noch
heute, so wird angenommen, erinnern die Flur-
bezeichnungen Fischerweg und Kapellenbreite
sowie die Reste der einstigen Laurentiuska-
pelle an die 1019 erstmals urkundlich genannte
villa Gimundin (seit 1273 Oldenmunden), das
heutige Altmünden. Nachdem die mit landes-
herrlichen Privilegien ausgestattete Stadt
Funktion und Bezeichnung Gimundin adap-
tierte, wurde die Siedlung jenseits der Weser
um 1400 aufgegeben.
Bauarchäologische Untersuchungen haben er-
geben, daß in der 2. Hälfte des 12. Jh. von
einem weitgehend flächendeckenden Baube-
stand im Bereich „intra muros” auszugehen ist,
wobei allerdings die Bebauung der Straßen-
fronten noch nicht die spätere Geschlossenheit
erreicht haben dürfte. Um 1400 ist mit einem
Baubestand von etwa 500 bis 550 Häusern
(575 Hausnummern) zu rechnen. Unbebaut
blieben zunächst der südwestliche Bereich des
Stadtgebietes zwischen Radbrunnenstraße
und Stadtmauer, der sogenannte „Hagen”, im
Osten „Am Plan” sowie im Westen der Raum
zwischen Hinterstraße (Hinter der Stadtmauer)
und Mauerring; ferner der noch heute weitge-
hend unparzellierte Burggarten.
Die Gesamtgliederung des Stadtraumes in
Viertel, nach deren Einteilung, wie die Schloß-
ordnung von 1467 ausweist, die Steuern erho-
ben wurden, wird weitgehend bestimmt durch
die Lange Straße. Die als einzige den Mauerring
durchbrechende, leicht gekrümmte Nord-Süd-
Straße, die erstmals 1390 als LONGA PLATNA
im Stadtbuch genannt wird, lief offenbar ur-
sprünglich auf die etwas unterhalb der Werra-
brücke gelegene Felsbarre (Furt) zu. Sie kreuzt
die Mühlen-, Markt- und Schulstraße, die zu-
nächst als West-Ost-Achse angesehen wurde,
obgleich sie aufgrund ihrer Anlage, Bebauung
und Ausrichtung zweifellos erheblich hinter der
Langen Straße zurücktritt. Ihr architektonisch
kaum besonders akzentuierter Kreuzungs-
punkt bildet nicht die Mitte der Stadt, sondern
ist deutlich nach Norden verschoben. Flankiert
wird die Lange Straße, die einzige Durchgangs-
straße innerhalb der Kernstadt, von je zwei Pa-
rallelstraßen: Burgstraße und Am Plan im Osten
sowie Ziegelstraße/Lohstraße und Hinter der
Stadtmauer (Hinterstraße)/Kiesau im Westen.
Die inneren Querstraßen wie Tanzwerder-,

Kirch-, Sydekum-, Speck- und Petersilien-
straße sowie die erstmals 1520 urkundlich ge-
nannte Jodenstraße, die heutige Jüdenstraße,
dienen lediglich zur Verbindung und Erschlie-
ßung der Lange Straße, die somit das Rückgrat
des gesamten Stadtgrundrisses darstellt. Sie
findet jenseits des Mauerrings in der Kassler
Straße und in der Werrabrücke, die den histori-
schen Stadtkern mit der „Vorstadt” Blume ver-
bindet, ihre Fortsetzung. Aus der geschlosse-
nen Zeilenbebauung der Lange Straße heben
sich aufgrund ihres Erhaltungszustandes, ihrer
äußeren Gestaltung und ihrer straßenbildprä-
genden Bedeutung die Bauten Nr. 8/10 von
1554; 26, 29 von 1554, 45 von 1887, 47 von
1582, 50 von 1522, 51 von 1570, 53 von 1567,
57 von 1897, 65, 82, sog. Marmorhaus von
1685, und 84 ab.

1500 häufig von Steinwegen und Pflasterungen
berichten, dürften wohl nur die Hauptstraßen
entweder durch Feldsteine, Flußkies oder
Sandsteinplatten befestigt worden sein. In den
schmalen, häufig leicht gekrümmten Quer- und
Aufgliederungsstraßen tragen die weitausla-
denden, die Plastizität des Hauses unterstrei-
chenden Vorkragungen der Oberstöcke, gegen
deren Übermaß man erst im 16. Jh. einschritt,
zu einer weiteren Einengung des Straßenrau-
mes bei, der durch den Verlust der vorgelegten
Freitreppen seine raumgliedernden Elemente
verlor. Zugleich lassen die unterschiedlich di-
mensionierten Ausladungen der Oberstöcke in
Verbindung mit dem gekrümmten Straßenver-
lauf ein bewegtes, die malerische Wirkung der
engen Aufgliederungsstraßen unterstreichen-
des Fassadenrelief entstehen.

Das gesamte Straßensystem, dessen über-
kommende Führung noch aus der Gründungs-
zeit stammt und im wesentlichen überJahrhun-
derte beibehalten wurde, ist durchaus einheit-
lich und gekennzeichet durch einen Fluchtli-
nienverlauf, der kaum Vorsprünge und Abwin-
kelungen (obere Lange Straße, „Hilgenbergs
Eck”) aufweist. Obgleich die Schriftquellen um

Drei- und viergeschossige, in Fachwerk errich-
tete Bürgerhäuser reihen sich in der Kernstadt
zu langen geschlossenen Straßenfronten auf,
die nur vereinzelt durch enge Trenn- oder Trau-
fengassen geschieden sind. Mit ihren schma-
len, häufig nur drei- und vierachsigen Fassaden
zeigen sie gleichsam die üblichen mittelalterli-
chen Hofstätten breiten an, die bis zur Straßen-

Blick vom Fährenpfortenturm auf die „Giebelhäuserreihe” der Radbrunnenstraße


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