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4. Bauperiode von 1650 bis 1780
Schwere Rückschläge erlitt Münden im Drei-
ßigjährigen Krieg, nachdem die Truppen Tillys
am 30. 5. 1626 unweit der Mühlenpforte in den
befestigten Stadtkern eindrangen. Zahlreiche
Bürgerhäuser im Umkreis der Ägidienkirche
und am oberen Ende der Ziegelstraße wurden
durch die Explosion des benachbarten Pulver-
turms zerstört, deren Wiederaufbau im Bereich
der Ägidienkirche erst in den dreißiger Jahren
des 18. Jh. allmählich einsetzte.
Das Fachwerkgefüge der 4. Bauperiode, die
von 1650 bis 1780 reicht und etwas 28% des
innerstädtischen Bürgerhausbestandes um-
faßt, erfuhr keine wesentlichen konstruktiven
Veränderungen. Neben der bereits in der voran-
gegangenen Bauperiode sich klar abzeichnen-
den Tendenz zur Reduzierung der ursprünglich
weit ausladenden Vorkragungen, die auf ein
Mindestmaß beschränkt wurden, weist das
Ständerwerk immer häufiger geringere Balken-
querschnitte auf. Die knaggenlosen Vorkragun-
gen werden von Balkenköpfen gestützt, die
muschelartige Verzierungen oder Karniespro-
file aufweisen. Im Gegensatz zur 3. Bauperiode

mit ihren stattlichen Repräsentationsbauten ist
der Baukörper von nun an wesentlich schlichter
gestaltet. Auch halten die Formadaptionen
hessischer Vorbilder an, wie u. a. das sog. Hän-
gezapfenmotiv belegt, eine Schmuckform, die
erstmals in den achtziger Jahren des 17. Jh. in
Münden nachweisbar ist. Ab 1600 werden die
Eckständer der Oberstöcke häufig durch z.T.
plastisches Schnitzwerk akzentuiert. Ein we-
sentliches Element der Fassadengestaltung
setzt sich etwa Mitte des 17. Jh. mit den be-
schlagwerkartigen Flachschnitzereien auf den
gerundeten Füllbalken der Gebälkzone durch.
Diese nicht nur für Münden charakteristischen
Zierformen sind geometrische oder pflanzliche
Ornamente, stilisierte oder naturgetreue Tier-
darstellungen und Fabelwesen in höchst unter-
schiedlicher handwerklicher Qualität. Zu der
etwa 20 Bauten umfassenden Formengruppe
gehören das „Nebengebäude” Am Plan 8, die
stark veränderten dreigeschossigen Bauten
Burgstraße 21 und 29, der nachträglich aufge-
stockte Fachwerkbau Hinter der Stadtmauer
20, das 1657 datierte Haus Lange Straße
19/21 und Nr. 22\/on 1655, Nr. 23und 46, Markt-
straße 9, Kirchstraße 7/9, der reich verzierte
Bau Kiesau 17, die zwei- bzw. dreigeschossi-

gen Traufenbauten Petersilienstraße 2 und 13,
die beiden ursprünglich zweigeschossigen
Fachwerkbauten Pitterstraße 3 und 7, das 1660
errichtete Traufenhaus Siebenturmstraße 12
sowie die beiden Eckbauten Tanzwerderstraße
14 und 17, deren erkerartiger Ausbau 1657 da-
tiert ist.
Das zweigeschossige Traufenhaus mit Zwerch-
giebel Ritterstraße 3 zeigt beispielhaft wie be-
schlagwerkartige Fabelwesen (vermutlich
Seepferdchen) die Füllbalken zwischen den ab-
gerundeten Balkenköpfen dekorieren. In den
Brüstungsgefachen des knaggenlosen Ober-
stockes und auch im Zwerchgiebel lockern
symmetrisch angeordnete Fußbänder die an-
sonsten schlichte Fassadengestaltung des ver-
mutlich um 1650 errichteten Hauses Ritter-
straße auf. Der Fachwerkbau ist prägender Be-
standteil der zumeist aus dreigeschossigen
Traufenhäusern bestehenden Ritterstraße, die
auf die Lange Straße stößt und in der Sieben-
turmstraße ihre Fortsetzung findet.
Zwischen Schmiede- und Stumpfeturmstraße
erstreckt sich im südwestlichen Teil des Stadt-
areals die leicht gekrümmte Petersilienstraße,



Ziegelstraße 48

Am Plan 8, Nebengebäude

Ritterstraße 3


Ziegelstraße 2, 4, 6 (um 1650), von rechts


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