Universitätsbibliothek HeidelbergUniversitätsbibliothek Heidelberg
Metadaten

Falke, Otto von; Lessing, Julius
Kunstgeschichte der Seidenweberei: eine Auswahl der vorzüglichsten Kunstschätze der Malerei, Sculptur und Architektur der norddeutschen Metropole, dargestellt in einer Reihe der ausgezeichnetsten Stahlstiche mit erläuterndem Texte (Band 2) — Berlin, 1913

DOI Page / Citation link: 
https://doi.org/10.11588/diglit.19017#0200
Overview
loading ...
Facsimile
0.5
1 cm
facsimile
Scroll
OCR fulltext
In den Frührenaissancestoffen war eine der Arnostadt eigentümliche Richtung geschaffen,
die in ganz Europa Anklang fandx) und in Venedig selbst, wie die Bilder Crivellis lehren,
erfolgreich sich behauptete.

F. Spätmittelalterliche Gewebe aus Deutschland.

Über die deutsche Kunstweberei des späten Mittelalters ist weniger bekannt als über
die der romanischen Zeit. Die ziemlich häufigen Futterstoffe aus Leinwand, die durch
Modeldruck Rapportmuster erhielten, meist vereinfachte Nachahmungen der gleichzeitigen
Seidenstoffe, kommen hier nicht in Betracht, weil die Weberei nur den ungemusterten Grund*
stoff zu liefern hatte. Auch von den gewirkten Cölner Borten muß ich an dieser Stelle ab*
sehen. Ihre in Seide und Hautgold ausgeführte Ornamentik aus streng stilisierten Blüten*
bäumchen, Rosetten, Wappen, Inschriften und Heiligenfiguren zeichnet sich durch große
Selbständigkeit aus, und die unverwüstliche Arbeit erklärt die weite Verbreitung, die diese
Paramenten fanden. Sie zählen aber nicht zur eigentlichen Rapportweberei, weder stilistisch
noch technisch.

Wahrscheinlich deutsche Arbeit aus der Zeit vor 1400 ist eine sehr seltene Gattung
von Halbseidenstoffen, deren Hauptkennzeichen die Kette aus dunkelblau gefärbten Leinen*
schnürchen ist. Mit feinen, wenig sichtbaren Schußfäden locker gebunden, bildet sie den
dunklen Grund für die aus weißer (auch etwas roter und grüner) Seide und aus Darmgold
eingeschossenen Muster. Die letzteren (Abb. 551) sind vergröberte, sonst ziemlich treue
Wiederholungen luccanischer Diaspermuster aus dem 14. Jahrhundert (vgl. Abb. 275).
Da nur einige Stücke in den Stoffsammlungen von Berlin, Düsseldorf und London bekannt
sind, läßt sich über die Heimat noch nichts sagen.

Umfangreicher ist eine Gruppe niederdeutscher Halbseidenstoffe, von der das Museum
in Braunschweig aus der dortigen Martinskirche eine Reihe vollständiger Meßgewänder
besitzt. Hier wird die weißliche Leinenkette durch den Einschlag aus Seide und Darmgold
dem Auge verborgen. Meistens steht das Muster
weiß auf rot, doch kommen auch mehrfarbige
Stoffe vor. Seltener sind Halbseidenbrokate, deren
weitständig eingeschossener Darmgoldfaden dem
Gespinst der Cölner Borten ähnelt. Die Blütezeit
der Gattung fällt in die zweite Hälfte des 15. Jahr*
hunderts, denn der vorherrschende Mustertypus
(Abb. 552, Kasel in Braunschweig und Abb. 553,

Kasel im Museum Schwerin) lehnt sich an die
italienischen Brokate jenes Übergangsstils, der
Tierbilder mit spätgotischem Pflanzenornament

*) Ein starker Einfluß der florentiner Frührenaissance*
stoffe ist in Spanien bemerkbar. Das Muster eines der schön*
sten spanischen Knüpfteppiche im Berliner Kunstgewerbe?
museum (Bode, Vorderasiatische Knüpfteppiche fig. 86,

Lessing, Vorbilderhefte XIII, 16) ist nichts anderes, als eine
vergrößerte Variation des florentinischen Seidenstoffes
Abb. 535 und der prachtvolle Goldsamtmantel mit den
Wappen von Kastilien, Leon, Aragon, Valencia und
Granada, den das Lyoner Museum aus der Sammlung
Spitzer erwarb (abgeb. Cox T. 31 u. 33; Collection Spitzer
V, Etoffes T. 5) ist technisch und stilistisch von der Polla#
juologruppe abhängig.

Abb. 554. Venezianer Brokat 2. Hälfte 15. Jahrh.

116
 
Annotationen