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Falke, Otto von; Lessing, Julius
Kunstgeschichte der Seidenweberei: eine Auswahl der vorzüglichsten Kunstschätze der Malerei, Sculptur und Architektur der norddeutschen Metropole, dargestellt in einer Reihe der ausgezeichnetsten Stahlstiche mit erläuterndem Texte (Band 2) — Berlin, 1913

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https://doi.org/10.11588/diglit.19017#0219
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die Vorstufe der Streumuster bildeten, sind in der Tat aus der Zeit um 1600 erhalten. Die
wellig geschwungenen Parallelranken des italienischen Samtstoffes T. 286 sind noch rein
renaissancemäßig im Stil des späten 16. Jahrhunderts gezeichnet und die Schrägranken Abb.576
sind nur wenig jünger; ein ßarockbeispiel des unsymmetrischen Rankenschemas gibt die
Abb. 577. Das Wiederauftauchen der einseitigen Ranken nach einer Pause von zwei Men*
schenaltern ist ein stilgeschichtlich merkwürdiger Vorgang. Die Renaissance hatte zunächst
mit diesem, ihren symmetrischen Neigungen entgegengesetzten Typus der Spätgotik gründ*
lieh aufgeräumt; aus dem Übergangsstil der ersten Hälfte des 16. Jahrh. und aus der Hoch*
renaissance ist nicht ein Beispiel erhalten. Den Rückfall um 1600 auf erneuten chinesischen
Einfluß zurückzuführen, geht nicht an, denn die europäische Seidenweberei ist im 16. und
17. Jahrhundert von ostasiatischen Elementen vollständig frei. Eher ließe sich an eine Ein*
Wirkung der osmanischen Seidenstoffe denken, in denen Parallelranken nicht selten sind.
Doch steht auch dem die rein italienische Zeichnung von T. 286 entgegen. Die Rückkehr
zur Unsymmetrie ist auch unabhängig vom Orient als eine Äußerung jener gotischen Re*
aktion zu erklären, die mit dem Ermatten der Renaissance gegen Ende des 16. Jahrh. auf
verschiedenen Kunstgebieten — namentlich in der deutschen Goldschmiedekunst — hervor*
tritt. Einmal zurückgewonnen, sind die einseitigen Muster der europäischen Seidenweberei
nicht mehr verloren gegangen, bis der strenge Klassizismus der Empirezeit sie wieder aus*
schaltete. Sie treten stärker hervor, als im Spätbarock der Maßstab der Muster zunimmt.
Dabei ist aber Italien ziemlich zurückhaltend gewesen, während Spanien sich dem unsym*
metrischen Stil schrankenlos hingab. Von den einseitigen Mustern auf T. 287—292 sind nur
der straff und klar gezeichnete Barocksamt T. 287 und der Seidendamast T. 291 b sicher
italienisch; bei dem Rokokosamt T. 292 kommt auch spanische Herkunft in Frage. Spanien
* schuf bis weit ins 18. Jahrhundert hinein noch große Mengen von Seidenstoffen und strot*
zend reichen Brokaten, welche Pflanzen, Voluten und phantastische Formen zu unsymme*
frischen Mustern verbinden (T. 288 bis 290). Grade die schwungvollsten Prachtgewebe
dieser Richtung wie Abb. 578 und 579 gelten als besonders kennzeichnend für spanische
Arbeit; da sie jedoch in der Textur und in der raffinierten Behandlung des Goldes
und Silbers den Lyoner Stoffen aus dem ersten Drittel des 18. Jahrhunderts sehr nahe
kommen, ist es schwer, eine feste Grenze zwischen französischen und spanischen Erzeug*
nissen zu ziehen. Der damalige Hauptsitz der spanischen Seidenweberei und Rivale von
Lyon war Valencia.

B. Der französische Seidenstil im 17. und 18. Jahrhundert.

Im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts war die Seidenweberei allmählich ein allge*
mein verbreitetes Gewerbe geworden. Seit am Verbrauch von Seidenstoffen die mittleren
Volksschichten teilnahmen, wurde der Geldabfluß nach Italien nicht nur in Frankreich als
Schädigung des Volkswohlstands drückend empfunden. Die negativen Hilfsmittel, Luxus*
beschränkungen und Einfuhrverbote, gingen gewöhnlich wirkungslos vorüber. Schon im
16. Jahrhundert regen sich die Versuche, in der Schweiz, in den Niederlanden und in Deutsch*
land das Seidengewerbe einzubürgern. Viel ist dabei nicht herausgekommen; an einigen
Stellen glückte es aber doch, wirkliche Seidengewebe herzustellen. In den Niederlanden
hatten die Satins von Brügge guten Ruf und auch Antwerpen wird als Seidenort genannt.
In Deutschland sind sogar greifbare Zeugnisse einer Seidenweberei aus der ersten Hälfte
des 16. Jahrh. vorhanden. Die Stoffsammlungen in Berlin und Hamburg besitzen mehrere
Stücke reinseidener Damaste und zweifarbiger Stoffe von sehr achtbarer Ausführung, die
sich durch die Selbständigkeit ihres Stils auszeichnen. Das Hauptmuster bilden gotisierende
Rosen und Sterne, verstreut oder in Rautennetze geordnet, abwechselnd mit querlaufenden

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