Fliegende Blätter — 21.1855 (Nr. 481-504)

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Der Schnarcher.

(Schluß.)

Keiner von uns sagte übrigens ein Wort, denn wir
hatten Beide keinen weiteren Umgang mit unserem schnar-
chenden Schlafkameraden, den wir in der That nur immer
Abends gehört, oft nicht einmal gesehen hatten und wuß-
ten nicht, ob's ihm recht gewesen wäre, wenn er .es erfahren,
was wir mit ihm experimentirt — was brauchte er es zu
wissen, denn ihm selber konnte es ganz gleichgültig sein,. oh
er die Nacht über schnarchte oder nicht. '

Als wir am nächsten Abend zu Bett gingen, erwartete
uns aber eine noch größere Genugthuung; Meier lag aus^
gestreckt und mäuschenstill auf seinem Lager — man hörte
ihn kaum athmen so sanft schlief er und ein unwillkührliches
„Gott sei Dank" entschlüpfte unfern Lippen. Wir zogen uns
ebenfalls aus und gingen zu Bett und ich — dessen Bett
dem von Meier gerade gegenüberstand, hatte eben die Augen
geschlossen und wollte mich mit dem beruhigenden Gefühl
einer fest zu hoffenden Nachtruhe dem Schlaf in die Arme
werfen, als Meier plötzlich in seinem Bette anfing unruhig
zu werden, sich ein paar Mal herüber und hinüber wälzte
und dann aufrichtete. Plötzlich stand er auf, ging wie er
war durch die Thür, die er hinter sich wieder in's Schloß
drückte und — kam nicht wieder.

Wir lagen eine ganze Weile schweigend da und horchten;
— Nichts zu hören noch zu sehen.

„Müller!" sagte ich endlich leise, nach längerer Pause.
»Ja?"

„Er ist hinaus."

„Ich Hab' ihn gehen sehen."

„Aber wohin?"

/.Weiß der Henker; die Geschichte kommt mir ganz son-
derbar vor; ich glaube er ist im Schlaf hinausgelaufen."
,,Hm!"

Die Unterhaltung war damit abgebrochen und wir lagen
wieder eine lange Zeit schweigend, die Rückkunft Meiers zu
erwarten — aber er kam nicht und sonderbarer Weise konn-
ten wir auch nicht wieder einschlafen. Ich stand endlich auf,
um nachzusehen, was aus unserem Schlafkameraden geworden
wäre, vermochte ihn aber nirgends zu finden und begriff
nicht, auf welche Art er durch die verschlossenen Thüren es
möglich gemacht hatte zu verschwinden. Geradezu suchen
mochte ich aber auch nicht, um die Leute, der angewandten
Heilmethode wegen^, nicht auf irgend eine Spur zu bringen
und ging deshalb wieder zu Bett. Am andern Morgen schlief
Meier wieder still und geräuschlos wie ein Mäuschen.

Am anderen Abend genau dieselbe Geschichte! wir
lagen kaum im Bett und gingen dorthin ziemlich pünktlich
etwa um halb elf Uhr, als Meier wieder wie am vorigen
Abend • aufstand und im Hemd seine Wanderung begann;
dießmal hatten wir aber nach vorhergegangener Verabredung
das Licht brennen laffen und sahen jetzt zu unserem Schrecken,
daß er mit offenen stieren Augen, mondsüchtig (es war
ein nur von Wolken verdeckter Mond schon die letzten Nächte

' am Himmel gewesen) wanderte. Ich folgte ihm dießmal,
ohne daß er die geringste Notiz von mir genommen hätte,
1 auf dem Fuß und er ging mit raschen Schritten den Saal
j entlang, bis an das äußerste Ende desselben, horchte, wie es
mir vorkam, nach meinen Schritten und kletterte dann in
' der Dunkelheit zum offenen Dachfenster hinaus, ehe ich ihn
daran hindern konnte,

Mir war die Geschichte damals entsetzlich unangenehm,

> denn ich betrachtete inich gewissermassen als Mitschuldigen
und kam der arme Teufel, der jedenfalls durch den Schlag
. mit dem nassen Schwamm mondsüchtig geworden war, irgend
zu Schaden, so hätte ich mir nachher die bittersten Vorwürfe
darüber gemacht. Ätzer -was nuft thlln? In die Kammer
zurückgekehrt, ; wo ich vor allen Dingen Bericht abstatten
niußte, hielten wir einen ordentlichen Kriegsrath, wohl eine
Stunde lang, mit dem nämlichen Resultate, wie am vori-
gen Abend. Endlich wurden wir müde und schliefen ein,
und als "wir am andern Morgen aufwachten, lag Meier
wieder in seinem Bett und schlief so sanft und süß und sah
so unschuldig aus, als ob er seine Matratze nicht verlassen
hätte, seit er sich niedergelegt.

Am nächsten Abende wiederholte sich Alles genau so,
und so am andern und andern; wir riefen ihn jetzt bei Namen,
umsonst, wir schlossen die Thür zu, umsonst — das alte
Schloß hielt nicht ordentlich, und er wußte wachend so genau
damit umzugehen, daß er's auch im Schlafe fand, und
seine nächtliche Wanderung, Gott weiß über welche Dächer
weg und an welchen gefährlichen Stellen hin, fortsetzte.

Das konnte so unmöglich länger fortgehen, und ich be-
stand darauf, daß wir den Wirth von der ganzen Geschichte
in Keuntniß setzten — wir brauchten ihm ja nicht zu sagen,
daß wir die Ursache gewesen waren. Müller dagegen bat
mich, nur noch einen Abend zu warten, er wisse ein probates
Mittel gegen die Mondsucht und hätten wir dem Burschen
. das Schnarchen so famos abgewöhnt, würden wir auch mit
seinem Bischen Nachtwandeln fertig werden.

Ich ließ mich überreden, und an dem Abend verschaffte
sich Müller, unter dem Vorwände, ein Fußbad nehmen zu
müssen, einen Kübel mit kaltem Wasser, den wir Beide, als
wir zu Bett gingen, zusammen hinauf trugen und solcher
Art vor Meiers Bett postirten, daß der Mondsüchtige, sobald
er nach seiner gewöhnlichen Art mit den Beinen aus dem
Bett fuhr, da gerade hineintreten mußte. Die fast stete Wirk-
ung solchen Verfahrens sollte, wie wir Beide schon früher
oft gehört, sein, daß der Mondsüchtige augenblicklich, sobald
er das kalte Wasser fühlte, wieder zurückfuhr und sich von
da an scheute die Füße wieder hinauszustrecken -- also im
Bett blieb.

Rasch zogen wir uns jetzt aus und fuhren unter unsere
eigenen Decken, hatten auch allerdings einen glücklichen Abend
hiezu gewählt, denn der Himmel war heute wolkenrein und
der Mond stand im ersten Viertel hell und klar über dem
Hause. Noch lagen wir auch keine zehn Minuten, als
Meier anfing unruhig zu werden. Mir klopfte das Herz
wie ein Schmiedehammer in der Brust. Jetzt hob er sich in
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