Fliegende Blätter — 25.1856 (Nr. 577-600)

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Rum bidiwum bidiwum, oder die Pfarrbesetzung in Merseburg.

(Fortsetzung.)

Aber diese Verwunderung des unbekannten Zuhörers wich
bald einem lebhaften Interesse an dem Spiel; jedes neue ein-
fache Liedchen, — und es klang aber auch, als ob's von
frommen unschuldigen Mädchenlippen gesungen wäre, — be-
gleitete der alte Herr so recht behaglich mit Zeichen seiner
Hand, als schlüge er wohlgefällig den Takt dazu. Und als
nun gar unser Traugott aus alter Gewohnheit zum Schluß
die sanftfeierliche Melodie des Lieblingsliedes seines seligen
Vaters: „Auf meinen lieben Gott!" re, mit kräftigen Strichen
zu spielen anfing und dabei der kleinen Geige die vollen Töne
einer Orgel zu entreißen verstand, da konnte sich der alte Herr
nicht mehr halten, hielt ihm plötzlich die Hand und sagte:
„Wart' Er einen Augenblick, ich will Ihn begleiten!" Ver-
wundert wie aus einem ivonnigen und aufregenden Traume
erwachend und auf den Tod erschrocken von dieser plötzlichen
Anrede sah sich unser Traugott um und siehe! eine rothe Nase
leuchtete ihm wie ein Sternschnuppen entgegen. Es war der
Herzog in höchsteigener Person, er konnte sich nicht verläugnen.
Fast ließ Traugott vor Schrecken die Geige zur Erde fallen,
und begann stotternd, sich wegen der Kühnheit, die er sich
herausgenommen, zu entschuldigen. Aber der alte Herr wehrte
ihn daran mit einem strafenden blitzenden Blick seines Auges;
er saß nun hinter dem Cello und sagte: „Reu angefangen und
Takt gehalten! hört Er?" „Meinetwegen!" dachte Traugott
Sebald und begann; die ernste Mannsstimme des Cello ver-
einigte sich mit der sanften holdseligen Mädchenstimme seiner
Geige zu einem rührenden und ergreifenden Spiel, und als
der Vers zu Ende war nnd Traugott Anstalt machte, die
Geige niederzulegen, rief der alte Herr eifrig und halb un-
willig: „Das Lied hat ja sechs Verse! also weiter!" Und so
strichen sie demnach die fünf anderen Verse ab; mit jeder
Strophe verschmolzen sich die beiden Spieler und ihre Instru-

mente inniger mit einander, und ihre Seele erhob sich darüber
zu feierlicher Andacht,

Als der letzte Ton zitternd verklungen, sprach der alte
Herzog, vergnügt sich die Hände reibend, wie wenn ihm ein
angenehmes Vorhaben so recht gelungen: „Gut gemacht, mein
lieber Schwarzrock! Aber," sein Cello wegsetzend, fuhr er ge-
spannt fort, „nun komme Er doch einmal näher und sage Er
mir doch, wer in aller Welt Er eigentlich ist, was Er hier
macht und wie bei allen Teufeln Er hier hereingekommen he?"
Unsers Traugotts schwache Seite ivar's nun gar oft schon im
Leben gewesen, das Herz immer auf der Zunge zu tragen und
frei heraus auszusprechen, was Andere nur dachten und wohl-
weislich verschwiegen. Das geschah ihm auch jetzt wieder.

„Ei! kennen mich denn Durchlaucht nicht mehr?" fragte
er statt zu antworten,

„Daß ich nicht wüßte!" erwiderte der Herzog verwundert.

„Ich aber kenne Ew. Durchlaucht noch recht gut," fuhr
unser Traugott ganz gemüthlich fort,

„Das ist auch Seine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit,"
meinte der Herzog laut lachend, „daß Er seinen Laudesfürsten
kennt. Aber woher sollt' ich Ihn denn kennen?"

„Ei Durchlaucht! wir sind Beide einmal zusammen
Schlitten gefahren," erwiderte Traugott,

„Schlitten gefahren? ich mit Ihm oder Er mit mir?"
forschte der Herzog nachsinnend. „Daß ich nicht wüßte!"

„Ja doch! Schlitten gefahren!" betheuerte Traugott eifrig,
„Wissen's denn Durchlaucht nicht mehr? ich war ja der un-
nütze Junge, der das Unglück hatte, Ew, Durchlaucht vor
18 Jahren auf dem Eise umzureißen,"

„So? der ist Er?" fragte der alte Herzog lachend und
ihn von Kopf zu Fuß musternd, und griff sich dabei ganz un-
willkührlich an die Stelle seines Körpers, die damals mit deni

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