Fliegende Blätter — 25.1856 (Nr. 577-600)

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Rum bidiwum bidiwum, oder die Pfarrbesetzung in Merseburg.

(Fortsetzung.)

Der Erste, der an die Reihe kam, war ein Ausländer, ein
Archidiakonus aus Altenburg, ein kleines bucklichtes Männchen
.mit pfiffigen, blitzenden Augen, spitzen, sehr markirtcn, wicscl-
- artigen Gesichtszügen''und von solcher affenartiger Beweglichkeit
und Unruhe auf der Kanzel, daß man unwillkürlich glauben
( mußte, das Männchen habe Quecksilber statt Gliedwaffer in den
! Arm- und Kniegelenken und Gummisohlen unter den Füßen.

■ Er fuhr in der That auf der Kanzel umher wie ein Affe im
! Käfig, wenn er von seinem Wärter Prügel kriegt oder wie ein
.Floh, wenn er Ohrenschmcrzen hat, und schnitt so übernatürliche
! Grimassen dabei, daß man unwillkürlich bte Augen zudrücken
mußte, weil man sich des fürchterlichen Gedankens gar nicht ent-
i schlagen konnte, er möchte bei einem seiner Hin- und Hersprünge
einen zu großen Anlauf nehmen, das Gleichgewicht verlieren und
|: über die Kanzelbrüstung mitten unter die christliche Gemeinde
l fallen. In der That fielen zwei nervenschwache Frauen vor
dem bloßen Anblicke des Predigers in eine wohlthätige Ohnmacht.
Vielleicht trug zu diesen Unfällen auch der Umstand bei, daß
! die Kirche in allen ihren Räumen von Zuhörern so vollgestopft
j war, daß kein Apfel, wie man zu sagen pflegt, zur Erde fallen
( konnte. In der ganzen Stadt und deren Umgegend hatte sich
j nämlich die Kunde von den vorgeschriebenen originellen Texten
rasch verbreitet, und Alles war an dem Sonntage, weil man
etwas Außergewöhnliches erwarten durfte, in die Schloßkirche
geströmt. Die Erwartung der Zuhörer ward auch nicht ge-
täuscht, denn das kleine Männchen löste seine schwierige Auf-
gabe zum Erstaunen Aller über die Maßen gut. Er kündigte
nach Verlesung des Textes, bei dessen Erwähnung er immer
einen sprungartigen Schritt vorwärts that, als Thema seiner
Predigt an: „Tritt herzu! der Ruf Gottes nn die
Menschen," und führte dann die einzelnen Theile ungefähr
folgendermaßen aus. l

1. „Tritt herzu!" ruft Gott der Schöpfer dem noch im

Universo schwebenden Atome zu und schafft es zu einem leben-
den, beseelten Wesen. Er öffnet ihm die Pforten der Erde
und des Lichts und sagt zu ihm: „Tritt herzu!" und der
Mensch ist geschaffen und als junger Erdenbürger in die Welt
cingeführt. Aber darauf beschränkt sich Gottes Vatergüte nicht;
er öffnet ihm auch'. , .. -.

2. die Pforten der von seinem Sohne Jesus Christus
gestifteten Kirche und spricht zu ihm das Gnadenwort: „Tritt
herzu ! du arme Menschenseele, daß dein Heiland dich erlöse
von allem Nebel und von aller Sündhaftigkeit." Er nimmt
ihn durch die heilige Taufe in die Schaar der gläubigen
Christen auf und spricht: „Tritt herzu!" er zeigt ihm den
heiligen Altar, wo Christi Leib und sein Blut, vergossen für
das Heil der Menschen, in dem hochheiligen Sakrament des
Abendmahls gereicht wird und spricht: „Tritt herzu!"

3. Und wenn dann der Mensch seine irdische Laufbahn
vollendet hat, öffnet ihm Gott wieder die Pforte des Himmels
und ruft ihm zu: „Tritt herzu! du getreuer Knecht. Du bist
treu gewesen über Weniges, nun sollst du über Vieles gesetzt
werden."

So weit war's doch' wirklich gut, wie der kritischste Leser
cinräumcn muß, und die Zuhörer kamen auch nicht aus der
Spannung und Beklemmung heraus, abgesehen davon, daß ihn
Niemand anzusehen wagte. Aber nun kam erst noch die Nutz-
anwendung auf den durchlauchtigsten Herzog, und auf diese
war man natürlich am Meisten gespannt. Aber auch diese
Klippe umschiffte der Prediger mit vielem Geschicke. Er schloß
nämlich seine Predigt mit folgenden Worten: „Gott hat auf
Erden seine Stellvertreter und Statthalter und Verwalter sei-
ner Gnade und seiner Macht. Das sind die Könige und
Fürsten dieser Welt. Sie verwalten sein Amt auf Erden. In

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