Fliegende Blätter — 25.1856 (Nr. 577-600)

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Die Puppe.

(Fortsetzung.)

Stadtrath Mäushuber hatte nur das einzige Kind. Seine
Frau war ihm vor etwa fünf Jahren am Nervenfieber gestorben,
und still und zurückgezogen lebte er jetzt in seiner Häuslichkeit,
der, neben seiner Tochter, noch eine alte, halbtaube Wirthschaf-
terin Vorstand. Gesellschaften liebte, er nicht, und daß Louise fast
gar keinen andern Umgang gehabt, war vielleicht mit die Ursache
gewesen, ihr Adolph Lehmann in so liebenswürdigem Lichte er-
scheinen zu lassen. Ihr Vater hatte aber die fire Idee, daß
junge Mädchen, wie Treibhaus-Pflanzen, unter Glas gezogen
werden muffen, und ihr eigenes Fenster war denn auch wirklich
fast die einzige Unterhaltung, die ihr der liebe lange Tag ge-
wöhnlich bot.

Nur das Theater machte davon eine Ausnahme, das der
Stadtrath selber schon aus politischen Rücksichten als „Stadt-
theater" protegirte — protegirte in sofern nämlich, als sich der
Rath eine ganze Logenreihe zu eigener Benutzung und gewisser-
maßen als Deputat Vorbehalten, und oft in dieser, bei sonst
brechendvollem Hause, zu zweien und dreien vertreten war.

Die Damen blieben allerdings von diesem Heiligthume
I ausgeschlossen, für Louise war Stadtrath Mäushuber aber doch
ein halbes Abonnement cingegangen, und die Theaterabende
brachten — aus mehr, als einem Grund — die einzige Ab-
wechselung, die einzigen Lichtblicke in ihr sonst gar so Mes
Leben.

Louise wußte um den Versuch des Geliebten, das Herz
ihres Vaters zu seinen Gunsten zu bewegen, und hatte ihn drin-
gend davon. abgerathen. Sie kannte den alten Herrn besser wie
er. Adolph übrigens, den Kopf voll Träume und Pläne und
seiner Sache fast siegesgewiß, wollte nicht davon abstehen.
Es lag für ihn, wie er sich ausdrückte, etwas Kühnes, Männ-
liches darin, der Gefahr solcher Art „auf den Leib zu rücken,"

und der Stadtrath war ja doch auch ein Mensch, und konnte
seinen Beweisgründen gar nicht widerstehen. — Wir kennen
das Resultat.

Louise, die nach seiner raschen Entlassung, ohne daß ihr ein
Wort darüber gesagt worden wäre, recht gut wußte, wie, die Sache
stand, und daß ihre schlimmsten Befürchtungen cingctroffen wären,
zog sich trauernd in ihr Zimmer zurück. Der Stadtrath aber,
als er aus der Sitzung kam, war an diesem Tage in einer
besonders, fröhlichen Stimmung, und wenn er es auch vermied,
mit der Tochter über die, ihre Interessen doch so nah berührende
Scene von heute Morgen zu sprechen, ging wohl eine halbe
Stunde in seinem Studirzimmer auf und ab und pfiff. Er
pfiff allerdings falsch, nichts desto weniger war es für seine
Umgebung immer ein sehr günstiges Zeichen, denn er that das ;
nur, wenn er außerordentlich guter Laune war. Ja als an dem
nämlichen Abend die unvermeidliche Flöte wieder über die Straße ,
tönte, öffnete er sogar sein Fenster, legte sich hinaus und horchte
den wehmüthigen, Herz und Ohr zerschneidenden Melodieen. !
Wer aber in dem Dunkel der Rächt, sein Antlitz hätte beobach- !
ten können, würde zu seinem Schrecken gefunden haben, daß
ein recht häßliches boshaftes Lächeln die sonst so gutmüthigen,
wenn auch etwas einfachen Züge des Stadtältesten entstellte.
Aber er sagte Nichts darüber. Was es auch war, deffen er sich
so heimlich fteute, kein Mensch im ganzen Hanse, nicht einmal
seine Tochter, erfuhr ein Wort davon.

Viel zu dieser ruhigen Gemüthssttmmung mochte übrigens !
auch der Friede in der eigenen Wohnung mit beitragen. Die .
Puppe, die bis dahin das Stadtgespräch gebildet, und von der
man nun erwartet hatte, daß sie sich jetzt erst, recht zeigen und
den Eindringlingen die Behauptung ihres EigenthumeS streittg
machen würde, ließ sich weder hören noch sehen, und wenn cs

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