Fliegende Blätter — 25.1856 (Nr. 577-600)

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Auf He

„Sie bleiben also noch länger hier?" setzte ich ineine
Frage fort.

.Ja!"

„Sie wollen doch," fragte ich weiter voll Erstaunen,
„nicht den ganzen Winter hier zubringen?"

Der Engländer blieb die Antwort schuldig: — ich
wiederholte die Frage und sah ihn dabei an; — der blasse
Jüngling wurde noch blässer, schob hastig seinen Stuhl zu-
rück und verließ die Tafel.

Das kam mir höchst sonderbar vor — ich fragte die
übrigen Gäste deßhalb, man hatte aber nur Vermnthungen:
„Vielleicht ein geheimes Körperleiden, das ihn zwingt trotz
des so ungünstigen Wetters die Badekur noch länger zu ge-
brauchen," sagte der Eine.

„Das glaube ich nicht," sagte ein Anderer, „ich bin
schon sechs Wochen hier und habe nicht einmal gesehen,
daß dieser Herr die Seebäder gebraucht hätte — überhaupt
vermied er sogar, wie man deutlich sehen konnte, jede Be-
rührung mit dem Badearzte. „Ueberdieß," setzte ein Dritter
hinzu, „weiß ich bestimmt, daß der Engländer schon einige-
male abreisen wollte, aber jedesmal seinen Entschluß schnell
wieder änderte. Einmal war er sogar schon aus dem Dampf-
schiffe, kam aber mit dem Nachen, -welcher ihn hinüber ge-
bracht hatte, wieder zurück."

Sonderbar, äußerst sonderbar, dachte ich, und fragte
den Wirth, ob er uns über dieses so auffallende Benehmen
des Engländers etwas sagen könne, — was derselbe jedoch
verneinte. Dabei entging mir aber nicht ein spöttischer Zug
um .seinen Mund, und der lauernde Blick seines Auges
schien mir anzudeuten, daß er allerdings mehr wisse, es
aber für gut finde, uns nichts davon zu sagen.

Mir schien die Sache jetzt klar, sonnenklar; dem jungen
Manne waren die Wechsel ausgeblieben, und er hatte sich —
wie die Studenten sagen — festgekneipt!

Am Abende dieses Tages hatte ich mich schon auf mein
Zimmer zurückgezogen und war gerade im Begriffe, mich in
das Bett zu legen, als ganz leise an meiner Thüre ange-
klopft wurde. Ich öffnete — und sah zu meinem nicht ge-
ringen Erstaunen den Engländer vor mir. Er trat rasch
in das Zimmer, schloß die Thüre und bat mich mit ge-
dämpfter Stimme, kein Geräusch zu machen und nur ganz
leise zu sprechen, „denn die Wände haben hier Ohren," setzte
er hinzu, „und mein Leben hängt davon ab, daß Niemand
meine Anwesenheit hier bemerkt oder später davon hört."

Daß meine Aufmerksamkeit — ich will sagen Neugierde
hierdurch auf das höchste gespannt wurde, das können Sie sich
wohl denken. Ich verriegelte die Thüre, führte den Engländer
zum Sopha, und nachdem ich neben ihm Platz genommen hatte,
fragte ich ihn, was mir die Ehre seines späten Besuches bringe.

„Mein Herr." antwortete Jener, „Sie sehen den un-
glücklichsten Menschen vor sich — mein Loos ist geworfen,
morgen muß es sich entscheiden, — es heißt: Rettung oder
Tod! Sie haben es in Ihrer Gewalt, mich zu retten — ver-

lgoland.

weigern Sie mir das, dann schieße ich mir morgen eine
Kugel vor den Kopf, — der Entschluß steht fest bei mir." —

„Nun, nun," unterbrach ich die Redefluth des offenbar
sehr heftig erregten jungen Mannes, „so schlimm wird es
wohl nicht sein. Doch bedarf es nicht dieser großen Noth
und dieser außerordentlichen Betheuerungen, um mich zu be-
wegen, Ihnen ineine schwache Hülfe anzubieten, wenn ich
auch gerade nicht einsehe, wie es mir möglich sein könnte,
Sie von so großer Bedrängniß zu befreien" —

„Ich sage Ihnen: Leben oder Tod!" fiel mir Sir
William in die Rede, „dieser Zustand ist niir durchaus un-
erträglich und —"

„Ruhig, ruhig, lieber Freund!" unterbrach ich den
Leidenschaftlichen nochmals, „wir kommen auf diese Weise
nicht weiter, und doch ist es schon recht spät."

Aber erst nach längerem Zureden gelang es mir, den
äußerst exaltirten jungen Mann so weit zu beruhigen, daß
er mir das Folgende ziemlich zusammenhängend erzählen konnte:

„Ich bin aus London und der einzige Sohn eines
reichen in hohen Ehren stehenden Mannes. Im vorigen
Jahre kam ich frühzeitig hieher, weniger uni eine Kur zu
gebrauchen, als einige Wochen zur Zerstreuung hier zuzn-
bringen; meine Mutter war erst kurz zuvor gestorben, und
von hier aus wollte ich nach den ersten Trauerwochen meine
große Tour auf dem Continente beginnen. Schon in den
ersten Tagen meines Aufenthaltes war mir auf meinen
Spaziergängen einigemale ein schönes Mädchen begegnet, und
als ich mich init ihr in ein Gespräch einließ, entzückte mich
ihre Naivität und ihr Verstand. Es konnte nicht fehlen,
daß ich mich in dieses reizende Mädchen verliebte, und bald
erwiderte die junge Helgoländerin diese Neigung.

Aus den paar Wochen des anfänglich beabsichtigten
Aufenthaltes wurden ein paar Monate, die mir in dem täg-
lichen Umgänge mit der liebenswürdigen Frieda nur allzu-
schnell verschwanden. Ich konnte und durfte nicht länger
bleiben, ich hatte dem Mädchen einige recht artige Geschenke
gemacht, und setzte sie nun von meiner baldigen Abreise in
Kenntniß. Aber nun ging der Jammer an. Stellen Sie
sich vor, obschon ich nie ein Wort von Heirath fallen ließ,
hatte die Kleine die Hoffnung genährt, ich würde es soweit
treiben, und da ich sie natürlich vermöge meiner Familien-
und Vermögens-Verhältnisse ganz unmöglich heirathen kann,
so erklärte ich dieses den Verwandten des Mädchens offen
und ohne Rückhalt. Ich habe mir in dieser Beziehung
nicht das Geringste vorzuwerfen und habe keine Verbind-
lichkeiten übernommen. Ich habe dem Mädchen nur gesagt,
daß ich es liebe, und das ist die Wahrheit, icy liebe die
gute Frieda heute noch, und werde auch, so lange ich lebe,
nie aufhören, sie zu lieben. Beständig aber auf diesem zwar
schönen aber höchst langweiligen Fleckchen Erde zu bleiben,
und nichts zu thun, als die holde Frieda zu lieben — oder
alte Geschichten von ihrem Großvater iinmer von Neuem anzu-
hören, die ich jetzt schon alle auswendig kenne — das würde
mehr als der Tod für mich sein. Und ebenso ist es mir nicht
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