Fliegende Blätter — 25.1856 (Nr. 577-600)

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Die Preis-Komposition.

(Fortsetzung.)

Der würdige Greis entließ die Schüler und führte seinen
Gast in's Wohnzimmer. An der halbgeöffneten Küchenthüre
vorüberschreitend, rief er seiner am Herde beschäftigten Tochter
zu: „Nicht' uns heute drei Gedecke, Lore." Das Mädchen
wollte sich eben mit der neugierigen Frage nach dem Warum
umkehren, aber das Wort erstarb ihr bei dem Anblicke des jun-
gen Gesellen auf der Zunge, — ein halb ersticktes Ja war ihre
Antwort, und von tiefer Rothe übergossen bückte sie sich wieder
zur Arbeit. Franz stand im ersten Augenblicke wie an den
Boden gebannt; es fuhr ihm wie der Schlag eines Blitzes durch
die Seele; dann aber entklang ihr ein tiefinnerliches Jauchzen
so, leist und doch wieder so fröhlich, daß er seine Hand an die
Brust legte, zu verhüten, daß sie nicht laut aufjubelte und sich
verrathe. Im Wohnzimmer des Lehrers stand ein wohl erhal-
tenes Fortepiano; dort angekommen wurde Franz ersucht, etwas
zu spielen. Er begann eine kleine Phantasie im gebundenen
Style. Allmählig lenkte er in bedeutungsvolleren Figuren auf
ein entfernteres Thema ein. Der Alte lauschte und lächelte still
in sich hinein. Aber Franz war nicht bei gewohnter Fassung,
in seinem Kopse gingen Töne und Bilder von heut und gestern
durcheinander, die Schläge seiner Brust störten Takt und Rhythmus
des strengen Satzes; nun ging auch die Thüre auf; Lorchen,
die vielleicht gelauscht hatte, trat ein und machte sich am Tische
leise Beschäftigung: es war aus mit seinen Gedanken, die An-
klänge eines alten Liedes kamen ihm zwischen die Finger, und
ohne zu wissen wie, war er in der Melodie der Strophe

Run weicht, ihr güld'nen Sonnen,

Run, Mond, beschließe deinen Lauf;

Zwei hellere Strahlenbronnen
An meinem Himmel leuchten auf!

Zwei Augen voller Treue,

Zwei Sterne voller Pracht,

Zwei Blumen so voll' Treue,

Daß ihres Thau's ein Tropfen trunken macht.

Ein Glück für den jungen Klavierspieler, daß der künftige
Prinzipal weder das Lied noch dessen Weise kannte; er möchte
sonst wohl über die Absprünge und die weltlichen Gedanken des
Kandidaten die Stirne ziemlich ernsthaft gerunzelt haben. Run i
aber nahm er in gutem Glauben auch den absonderlich heitern ;
Schluß für eine nothwendige Zuthat des Ganzen, und bezeigte
sich mit den Leistungen des Adspiranten höchlich zufiieden. „Ich
denke schon, es soll Alles nach Wunsch werden", — fügte er i
seinem Lobe hinzu. „Nun aber kommen Sie zu einem Löffel
Suppe; denn Lorchen hat angerichtet und würde schmälen, wenn j
wir das Essen kalt werden ließen."

Lore aberstand am Tische — nachdenklich, in sich hinein
verschämt, ohne eigentlich zu wissen worüber, — in Allem aber j
dennoch still selig, obgleich sie sich eben so wenig fragte — I
warum.— Franz ging es um nicht viel besser. Er wußte nicht, !
sollte er sich dem liebreizenden Kinde als völlig Fremder oor-
stellen, oder durfte er sich auf seine Bekanntschaft von gestern i
berufen. Lore, seine Verlegenheit merkend,'kam ihm zu Hilfe, ,
indem sie das Gespräch mit den Worten eröffnet-: „Wie schön,
daß ich heute meinen Dank nachholen kann. Vater, das ist
der junge Mann, von dessen gütiger Hilfe ich Dir erzählt habe."
Das war dem Greise ein neuer Beweggrund, gleichsam ein
bedeutungsvolles Zeichen für die Besiegelung seines Vorhabens. !
Er drückte seinem Gaste dankbar und warm die Hand,, füllte
zwei Gläser mit bescheidenem Landweine und ermunterte seinen
Nachbar, mit ihm auf ein recht langes und zufriedenes Zusam-
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