Fliegende Blätter — 25.1856 (Nr. 577-600)

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Num bidiwum bidiwum, oder die Pfarrbesetzmig in Merseburg.

(Fortsetzung.)

Betäubt und fast erstarrt über dieses schreckliche Ercigniß
saß er, der Folgen harrend, aus seiner Stube und dachte unter
Thräncn über sein großes Mißgeschick nach. Glücklicher Weise
waren die nächsten Folgen dieses Unfalls nicht so schlimm, als
er gefürchtet hatte. Seine Durchlaucht verspürten freilich einige
Tage lang an demjenigen Theile des durchlauchtigsten Körpers,
auf dem sie so unfreiwillig Schlitten gefahren, heftige Schmerzen,
waren sonst aber unverletzt, und da der edle Herzog einen
zwar rasch aufbrausenden, aber keineswegs nachtragenden Charakter
hatte, so verzichtete er auf eine weitere Bestrafung des Knaben,
der sogleich erkannt worden war. Aber nicht so der Schul-
rektor. Der arme Traugott mußte diese fatale Geschichte büßen,
so lange er aus der Schule war, und auch nachher sollte sie
sich noch lange und vielfach in ihren mißliche» Folgen geltend
machen.

Als Traugvtt die Universität Leipzig bezogen, mußte sich
! sein Vater entschließen, das theure Erbstück seines Hauses, seinen
I Stolz und seine Freude, die Crcmonescr Geige zu verkaufen,
um die Studienkosten seines Sohnes erschwingen zu können.
Unter heißen Thränen, und nachdem er die Geige viel hundert
Male zum Abschiede geküßt und geherzt hatte, that er den'
harten Schritt. Sie kam für 150 Thlr. in die Hände des
Herzogs, der lange schon ein Augenmerk auf sie gehabt hatte.
Denn er kannte jede gute Geige im Lande.

Bald nach der Rückkehr unseres Traugott von der Uni?
versität starb sein Vater und hinterließ ihm Nichts als die
kindliche Pflicht, die alte Mutter zu versorgen und zu ernähren.
Er that's redlich, so gut cr's vermochte, gab den Bauernsöhnen
Unterricht, und die Paar Groschen, die er damit verdiente,
reichten eben aus, ihn und seine Mutter knapp und nothdürftig
durch die Welt zu bringen. Er glaubte und hoffte ja, da er

seine Eramina gut bestanden, bald auf eine Versorgung mit
einer Pfarre rechnen zu dürfen. Aber da hatte er sich freilich
geirrt. Die fatale Geschichte auf dem Eise, deren Andenken
er längst durch die Zeit verwischt glaubte, stand wie eine
Mauer zwischen ihm und einer Pfarre. So oft er sich bei
einer eintretenden Vakanz meldete, hieß cs im Consistorio: „Ja,
lieber junger Freund, Sie wissen, daß Wir Ihnen wohl
wollen. Aber bedenken Sie, wie wir Anstoß erregen würden
bei Hose. Lassen Sie nur noch einige Jahre darüber hingehen,
dann wird die Geschichte vergessen sein, aber jetzt? nein! jetzt ;
ist noch nichts zu machen." Und so bekam jedesmal ein Kam-
mcrraths- oder Forstrathssohn die Stelle, obgleich solche jünger
und weniger geeignet waren, als er.

Er hatte nun harte, sehr harte Zeiten durchzumachen.
Ganze 10 Jahre saß er im ärmlichen Stübchen bei seiner
Mutter auf dem entlegenen Dörfchen, schulmeisterte, hoffte und !
harrte, aber immer vergebens. Keine Seele dachte an ihn.
Nun fehlte es ihm aber nicht an Gelegenheit, sich für sein
Amt auszubilden. Denn wo ein Pfarrer in der weiten Um-
gegend nicht Lust oder Zeit hatte, zu predigen, oder Kopf-
schmerzen und Magendrücken vorschützte, da ward der Candidat
Traugott Sebald in Warthausen beschickt, und dieser half willig
auS. Für eine Vormittagspredigt bekam er einen Thaler und
den Mittagstisch; für eine Nachmittagspredigt oder Kinderlehre
einen Gulden Meißnisch und obendrein ein kleines Zehrgeld,
und da er bald sonntäglich dem Einen oder Andern auszu- !
helfen hatte, so verdiente er ebenso viel, um darbend sich und
seine Mutter zu ernähren.

Nun würde er dieses Hoffen und Harren wohl noch eine i
Zeit lang als eine Prüfung in der Geduld und Ergebung er-
tragen haben, wenn ihm das Schicksal nicht wiederum einen |

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