Fliegende Blätter — 25.1856 (Nr. 577-600)

Page: 130
DOI issue: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/fb25/0133
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
130

Die Puppe.

die ihn bis dahin schützende Ausflucht des langen Contraktes
unter den Füßen weggezogen.

Aufrichtig gestanden, erschrack der Stadtrath nicht wenig,
als er zuerst die Nachricht erhielt, wenn er sich auch nach Au-
ßen nicht das Geringste merken ließ. Jede Sache hat indeß
ihre zwei Seiten, und so unangenehm cs ihm in der einen
Hinsicht sein mochte seine „sichere Wohnung" ausgeben zu müssen,
so tröstete ihn doch einigermaßen wieder auf der anderen die
Gewißheit, zugleich damit einer Hausgcnoffenschaft enthoben zu
werden, die ihm seit einiger Zeit so lästig, wie fatal wurde.

Der Stadtrath Mäushuber hatte nämlich eine Tochter,
ein bildhübsches lebenssrisches Mädchen von fast neunzehn Jahren,
die er wie seinen Augapfel liebte — seine Frau war ihm vor
etwa füuf Jahren gestorben. Da geschah es, daß etwa vor sechs
Monaten ein junger Mann in das nämliche Haus einzvg, der
durch sei» ordentliches, anständiges Benehmen — wie sich der
Stadtrath später darüber ausdrückte — den alten Herrn nicht
allein soweit bestach, ihm in seiner eigenen Familie Zugang zu
verstatten, sondern ihm sogar in gewisser Hinsicht die Bildung
seiner Tochter anzuvertraüen, der er, für zehn Groschen die Stunde,
Unterricht in Aesthetik und deutscher Literatur gab.

Herr Adolph Lehmann, wie der junge Mann hieß, that
aber für das Geld weit mehr, als er versprochen. Er las nicht
allein mit Louisen die Dichter, sondern führte sie sogar auf das
praksische Feld der Poesie, indem er mit ihr aus freier Hand
einen Liebesroman begann. Louise fand auch an diesem Theil

der deutschen Sprache so viel Geschmack, daß ihr der Lehrer
einmal, stolz auf eine solche Schülerin, »litten in der Stunde

— die alte Haushälterin war eben eininal abgerufen worden,

— um den Hals siel.

Wie der Vater hinter diese angeknüpftc Liebschaft kam, ist
eigentlich nicht bekannt, soviel aber gewiß, daß er plötzlich glaubte,
Louisens Fortschritte in der Aesthetik berechtigten sie, ihre angestreng-
ten Studien, wenn auch noch nicht ganz aufzugeben, doch jedenfalls
zu unterbrechen. Herrn Lehmann wurde unter der Hand zu
verstehen gegeben, daß seine Leksionen für'S Erste nicht weiter nöthig
wären — d. h. die alte Haushälterin sagte ihm, der Herr hätte
gemeint, wenn er ihn noch eininal bei feiner Tochter finde, würf'
er ihn die Treppe hinauf, (er wohnte zwei Stiegen höher) und
Adolph blieb jetzt Nichts übrig, als seinem Schmerze auf Kosten
der Nachbarschaft Luft zu machen.

Er that dieß vermittelst einer Flöte, die er Nachts von
zehn bis zwölf aus dem Fenster hinausblies, und seinen Zweck
damit, wenn cs der gewesen war, den Stadtrath Mäushuber
fast bis zur Verzweiflung zu treiben, vollständig erreichte.

Run hatte der Stadtrath allerdings gehofft, daß das ver-
wünschte „Puppenhaus" doch endlich einmal vcrmiethet werden
würde — ehe er sein Quartier räumen mußte, denn die dafür
geforderte Miethe war spottbillig.

Das geschah aber nicht, und es blieb ihm wirklich zuletzt
nichts Anderes übrig, als sich selber beim Rath als Miethsmann
zu melden. „Er wollte den Leute» beweisen," wie er sagte,
„daß ihre Erzählungen eitel Gerüchte und Unsinn seien, und
freue sich wirklich das reizende trefflich gelegene Logis, das um

einen Spottpreis hergcgeben wurde, beziehen zu können. Außer
dem war es eine jährliche Miethe werth, wie er bei sich hinzu-
setztc, die Flöte und den Herrn Lehmann los zu werden.

Was Louise betraf, so schmerzte sie allerdings die augen-
blickliche Trennung von dem Geliebten. Furcht aber vor den in
der Stadt umlaufenden Gerüchten über die spukende Puppe
kannte sic gar nicht, und lachte darüber, als ihr Barer sie frug,
ob sie sich etwa in dem Hause ängstigen würde.

Der Umzug fand denn auch richtig zu Johanni statt.
Das „Puppeuhaus" war vorher gelüftet und gereinigt worden,
die Meubeln wurden hinübcrgebracht, und Louise selber wirthschaf-
tete und ordnete eine volle Woche, bis Alles so freundlich und
behaglich hergerichtet war, wie man es sich nur wünschen konnte.

Der Stadtrath Mäushuber zog endlich selber dort ein.
Wenn er sich aber auch natürlich nicht das Geringste merken
ließ, so war ihm doch die neue Wohnung mit all' ihren
„Märchen und Klatschereien" nichts weniger als erwünscht und
angenehm.

All' sein Ucberlegen half ihm übrigens nichts mehr. Die
Wohnung war gcmicthet und bezogen, und es galt jetzt der
Stadt zu beweisen, daß es wirklich noch vernünftige Leute in
H. gäbe, die sich aus dem albernen Stadtschwank Nichts machten,
und den Muth hätten, einem solchen unsinnigen Gerücht ruhig
die Stirn zu bieten.

Die Puppe ließ sich allerdings die ersten Wochen nicht
sehen oder spüren, wohl aber der Literat Lehmann, dieser hatte
nämlich Mittel und Wege gefunden, in dem gegenüberliegenden
Haus eine kleine Wohnung zu finden, da ihn der Verkauf seines
alten Quartieres ebenfalls auf die Straße gesetzt. Das war dem
Stadtrath Mäushuber denn doch zu arg, der Mensch ihm auch
ohnedieß seines Calabreserhutes und großen Bartes wegen, in
der letzten Zeit verdächtig geworden, und da er außerdem in der
Stadt kein „Heimathsrecht erworben", und die Polizei bisher
seinen Aufenthalt nur geduldet hatte, beschloß er — ganz im
Stillen natürlich — energisch dagegen einzuschreiten.

Werk/Gegenstand/Objekt

Titel

Titel/Objekt
"Die Puppe"
Weitere Titel/Paralleltitel
Fliegende Blätter
Quelle des Titels
Sachbegriff/Objekttyp
Grafik

Inschrift/Wasserzeichen

Aufbewahrung/Standort

Aufbewahrungsort/Standort (GND)
Universitätsbibliothek Heidelberg
Inv. Nr./Signatur
G 5442-2 Folio RES

Objektbeschreibung

Maß-/Formatangaben

Auflage/Druckzustand

Werktitel/Werkverzeichnis

Herstellung/Entstehung

Entstehungsort (GND)
München

Auftrag

Publikation

Fund/Ausgrabung

Provenienz

Restaurierung

Sammlung Eingang

Ausstellung

Bearbeitung/Umgestaltung

Thema/Bildinhalt

Thema/Bildinhalt (GND)
Mann <Motiv>
Fenster <Motiv>
Nacht <Motiv>
Flöte <Motiv>
Karikatur
Nachbarschaft
Frau <Motiv>
Kirchturm <Motiv>
Satirische Zeitschrift

Literaturangabe

Rechte am Objekt

Aufnahmen/Reproduktionen

Künstler/Urheber (GND)
Universitätsbibliothek Heidelberg
Creditline
Fliegende Blätter, 25.1856, Nr. 593, S. 130 Universitätsbibliothek Heidelberg
loading ...