Fliegende Blätter — 25.1856 (Nr. 577-600)

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Die Preis-Komposition.

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Dieß war der Inhalt eines Liedes, welches an einem hei-
tern Maienmorgen in wundersamer Tonwcise aus den Fenstern
eines Dachstübchens in die Lüfte hinausklang, die es dann wei-
ter über den blühenden Kirschbaum unten im Garten hinweg
nach Wiese und Wald trugen. Wie ein fteundlich aufgeschla-
genes Auge blinkte jenes Fenster von dem Giebel eines beschei-
denen Landhauses herab und blitzte über Feld und Anger, als
müsse es mit seinem Wiederschein auch in all' den Glanz und
Schimmer des jungen Frühlingstages hineinleuchten und ihn
vergolden. Bald, so lugte aus demselben ein treuseliges, jung-
männliches Antlitz in die Landschaft hinaus, nicht anders, als
wollt' es selbst auch ein Fleckchen klaren, sonnigen Morgenhim-
mels über die lcnzhafte Gegend ausgießen. Die Welt hatte
noch keinen der Züge verwischt, welche Mutter Natur auf die-
sen Spiegel eines kindlichen Gemüthes geschrieben. Das braune
Augenpaar erschloß im Aufblicke nach dem blauen Himmel gleich-
sam einen zweiten Frühling mit allen Blüthen des Glaubens,
der Hoffnung und der Liebe. Um die Lippen des Jünglings
schwebte noch der letzte Hauch jenes Liedes; ein leises Beben
derselben verrieth die tiefe, innere Bewegung des Sängers,
während die dunkeln Augen wie mit einer stummen Frage den
^ gvld'nen Wolken nachzogen und mit unendlicher Sehnsucht über
die fernen Berge schweiften. Aber selbst eine Wolke des Un-
! muths, wie fie zuweilen über eine sinnende, sehnende Stirne
! zieht, hätte ja in diesem Augenblicke vor der Bläue des Aethers,

! vor der Pracht und dem Duste der Wipfel und vor dem Ge-
sang weichen müssen, der ringsum in Laub und Lüsten wirbelte.

Wer war unser Sänger? — In der Weihe und der
Macht seines Liedes lag mehr als nur das flüchtige Gefallen
an dem Spiel der Töne, weit mehr als blos ein süßes, träu-
merisches Wiegen auf jenen klingenden Wellen, welche das
Menschenherz in ferne, ungeahnte Lande voll Hoffnung und Liebe
tragen. Daß die Musik dem jungen Manne zum Berufe ge-
worden, zeigte schon ein flüchtiger Blick in das enge Stübchen,
seine Wohnstätte, die so manches sonst nothwendige Geräthe
entbehrte, während darin ein Gegenstand des Luxus — ein
Klavier — Platz hatte. Freilich das bescheidenste aller Ton-
werkzeuge, unscheinbar, alt und zerbrechlich, und doch die kleine
Welt, aus welcher der junge Mann die Stimmen und Bilder
einer wunderbaren Sprache vernahm. Die kurzen, schlottrigen
Tasten schlugen nur mit schlichten, metallenen Stäbchen an die
messingenen Saiten; aber sie weckten daraus «ehmüthig süße
Klänge, und wenn sein Finger fie berührte, grüßte cs ihn wie
tönende Blüthen, wie Seelen aus einer andern, schöneren Hei-
math. Auf dem empor geschlagenen Deckel lagen einige Noten-
blätter; — eines davon mit der Singweise und der Begleitung
des vorhin belauschten Liedes beschrieben und das Motto
führend:

Das Vöglcin und die Menschenbrust —

Sie ziehe» sehnend himmelwärts,

Das Vöglein auf der Schwingen Lust,

Im Lied und Leid das Menschenherz.

Der Jüngling, vom Fenster zurücktretend, durchlas das
Blatt noch einmal sinnend und gedankenvoll. Eine unbeschreib-

liche Mischung von Gefühlen flog durch seine Seele. Der süße
Friede, den ihm kaum erst die heitere Morgenschau gebracht,
die fröhliche Hoffnung, an der doch zumal das jugendliche Ge-
müth selten Mangel leidet, — sie wichen je mehr dem Zweifel
und der Besorgniß, je länger sein Auge die sauber geschriebenen
Notenzeichen betrachtete. Eine stille Ergebung schien endlich
seine Besorgniß niederzukämpsen: — „Im Lied und Leid das
Menschenherz" — wiederholte er bedeutsam; und mit dem Aus-
rufe : „So gehe denn auch du, mein Lied, und wirke was du
kannst" — ergriff er Feder und Blättchen Papier, schrieb dar-
auf mit vorsichtig gehender Hand deutlich und sauber den Namen
Franz —bert, versiegelte das Blättchen, versah cs außen
mit demselben Sinnspruche, den wir oben lasen und befestigte
es sorgfältig an dem Notenbogen, der jenes Lied enthielt. Dann
versah er das Ganze mit einem Umschläge, schloß auch diesen
und überschrieb die kleine Rolle:

An das Preisgericht für den deutschen Musikverein
W

— bürg.

Nach diesem Geschäft hob sich seine Brust zu einem tiefen,
langen Athcmzuge; er schien von einer schweren Last bestell und
leichteren Muthes gingen ihm die noch übrigen Verrichtungen
von der Hand. Er ordnete seine kleine fahrende Habe, zumeist
Bücher, Schriften und Kleidungsstücke, zur Verpackung in einen
mehr als geräumigen Koffer, schlichtete jedes Ding sorgfältig
und bedächttg in sein Plätzchen, so, als dünke ihm Noth, Alles
gehörig unterzubringcn, und sah sich endlich verwundert nach I
weiteren Gegenständen um, als er in dem Gehäuse noch j
Raum genug, dagegen nichts mehr einzupacken fand. Nachdem
er den Koffer endlich mit dem nöthigen Ballast ausgefüllt,
sperrte und siegelte er auch diesen, versah ihn mit der Aufschrift:

An

den Schulprovisvr Franz —bert
in

Lindheim.

besah sich noch einmal die kleine traute, bis auf das unschein-
bare Klavierchen völlig entleerte Stube, wischte sich dabei zwei
überflüssige Tropfen aus den Augen und stieg eine steile Treppe
hinab zu seiner Hausstau.

„Ei, schon zum Abschied fertig, Herr Schulprovisor?" —
erwiderte das graue Mütterchen aus den Gruß des Eintretenden.
„Es ist ja noch gar früh am Tage!" —

„Sie wissen ja, Frau Försterin," versetzte Franz, „Morgen-
stunde hat Gold im Munde; und nach seinem Glück muß man
stüh aufstchen und suchen.

„Recht gut" — meinte die Alte; „nur sollten Sie nicht
so Knall und Fall aus dem Hause, ohne noch eigentlich zu
wissen wohin." — „Was mich von hier forttreibt, wissen Sie
ja wohl," versetzte der junge Mann. „Nur auf die Wintermonate
für die hiesige kleine Schule bestellt, bin ich nun mit dem be-
ginnenden Frühling dicnstlos und muß für den Sommer gleich
den Schwalben, nur in umgekehrter Weise, eine andere Heimath
suchen."

„Es ist schon hart und bedauerlich" — entgegnete das
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