Fliegende Blätter — 31.1859 (Nr. 731-756)

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Poesie und P«osa.

(Fortsetzung.)

So ging's einige Tage hindurch und die Frau Inlpek-
torin hatte die Freude ihrer Tafel alle Ehre angethan zu sehen,

! denn die beiden Damen entwickelten nach der Rückkehr von
! ihren Streifereien in die Berge einen seltenen Appetit. . Au )
ein kleines improvisirtes Fest, das die Herrin deö Eulen-
horst ihren Dienstlcutcn beiderlei Geschlechts gab, nahm u>-
! soferne den befriedigendsten Ausgang, als cö Clothilde mit an-
' erkenncnswcrther Gewandtheit verstand, die rauhen Schatten-
seiten des Gemäldes, die zuweilen sckroff hervortratcn, mit
einigen kecken Pinselstrichen zu übcrtünchc».

Da überzog plötzlich den so heiteren Himmel aschgraues j
j Gewölk, das sich nur zu bald in Strömen von Regen entlud
; und den beiden Damen den Aufenthalt iin Freien unmöglich
machte. Das mar nun freilich grundfatal und guter Rath
theuer, denn so gut man Brunnen ausschöpst, versiegt auch
j allgemach die beredteste Rede, und der munterste ^Kops
verliert die Laune, wenn ihm von außen kein Ltoss zur
Kurzweil zugeführt wird. Diese Erfahrung machten auch
Emmclinc und Clothilde, denn es waren keine vierundzwanzig j
| Stunden in's Land gegangen, da begannen sie heimlich zu
gähnen und schauten sic aus einem Fenster zum andern nach
dem Himmel hinauf, der sein mürrischestes Gesicht herausgcsteckt
hatte und einem ausgespannten ungeheuren grauen Sacktuchc
glich. Mit den Jnspektorsleutcn, die man auf's Schloß citirte,
war auch nichts anzufangen, und die Lektüre erwies >lch als
gänzlich unzureichend, denn eine Reiseliteratur eristirtc nicht
| und die Zinknagcl'sche Bibliothek hatte nur einige wenige
! Bändchen über die Wechselwirthschast, den Milzbrand und die
l Klauenseuche aufzuweisen.

Siehe, da trat so zu sagen mit beiden Beinen der Znspek- ;
tor mitten in die Roth hinein und meldete pflichtschuldigst die

Ankunft eines Fremden, der seine Gastfreundschaft in Anspruch
genommen. Derselbe nenne sich, um Alles in gehöriger Ord-
nung vorzutragcn, Baron von Müller, habe Besitzungen tief '
in Schlesien drinnen und sei ledigen Standes. Auf einer
größeren Vergnügungsreise begriffen, habe ihn der Postillon
gar nicht weit vom Schlosse umgeworfen, wobei der Wagen
zum Weitcrfahrcn untauglich geworden. Er selbst aber, der
Herr Baron nämlich, habe sich beim Wagcnsturze de» Fuß
nicht ganz unerheblich beschädigt, weshalb er, der Inspektor,
demselben sofort eine Flasche voll Ameisenspiritus zur Verfüg-
ung gestellt, und sich zur Vermeidung des Vorgefallencn heim- ’
lich hierher geschlichen, denn der fremde Herr habe ihm jede
Erwähnung seines Unfalls, im Schlosse ausdrücklich verboten.

Nach einer kurzen heimliche» Berathung, welche die Damen
am Fenster gepflogen, ließ Emmeline durch den Inspektor den
Fremden unter Bedauerungc» über sein Mißgeschick zu sich
und zu Tische bitten, wofern sein Befinden ihm dies erlaube.
Zu gleicher Zeit wurde Zinkuagcl nebst Frau zur Tafel be- !
fohlen und sodann entlassen.

Sobald die beiden Mädchen sich allein befanden, klatschte
die Herrin des Eulenhorst in die Hände und fiel dann Clothil- ;
den stürmisch um den Hals. „Ein Besuch, ein Besuch," rief
sie, wenn auch ein unfreiwilliger, 's ist immerhin prächtig!
Uebrigenö brauchen wir dem Baron gegenüber nicht die Emau-
cipirtcn zu spielen, denn ich übe ja nur Christenpflicht, wenn
ich mich des Verlassenen annehme. Auch soll und wird ja
unser Benehmen ein so würdiges sein, daß es vor der Moral
des strengsten Sittenrichters bestehen kann. Freilich muß der
Baron ein Mann sein, mit dem sich's umgehen läßt, sonst
sind wir die Geprellten."

Clothilde pflichtete dem lächelnd bei und meinte nur, es

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