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VII. DIE KULTE DES PRYTANEIONS
Ausführlicher, als Keil dies in seiner vortrefflichen, jedoch sehr knappen Studie ,,Kulte im
Prytaneion von Ephesos“186 getan hat, muß hier zum besseren Verständnis der zahlreichen, zu
diesem Thema vorgelegten Texte auf die prinzipielle Funktion des Prytaneions in der griechischen
Stadt und auf die besonderen Verhältnisse in Ephesos eingegangen werden187.
Das Prytaneion einer griechischen πόλις umschloß bekanntlich den Herd der Stadt188. So wie
eine Hausgemeinschaft durch den gemeinsamen Herd konstituiert wird, den Platz der gemein-
samen Mahlzeiten und des Ahnenkultes, so wird auch eine πόλις, die Summe aller einzelnen Haus-
gemeinschaften, erst durch den gemeinsamen Herd im Prytaneion zusammengehalten. Wie im
Kleinen in jedem einzelnen Haus, so wird dort jenes ewige Feuer unterhalten, das Leben und Fort-
bestand der Gemeinschaft symbolisiert; dort finden die gemeinsamen Mahlzeiten statt, welche
stellvertretend für alle Bürger von einzelnen Bürgern eingenommen werden. Hier hat auch der
κτίστης της πόλεως seinen Platz189, und hier wurden schließlich die offiziellen Gäste der Stadt
gespeist. Die gemeinsamen Mahlzeiten schufen nicht nur leibliche, sondern auch kultische Ge-
meinschaft. So war es überall, so ist es auch in Ephesos gewesen.
Die göttliche Personifikation des heiligen Stadtherdes ist Hestia, die in Ephesos (wie auch
anderswo190) den Beinamen Βουλαία führt. Ihrem Kult vornehmlich diente der Prytane, dessen
wichtigste Aufgabe darin bestand, das als Πυρ άφθ-αρτον191 zu gleichfalls eigener göttlicher Selb-
ständigkeit personifizierte heilige Feuer zu hüten192. Besonders schön zeigt sich die aus diesem
Feuerkult entwickelte ,,Feuertheologie“ an den Gedichten der Prytaninnen Κλαυδία Τροφίμη193
und Τυλλία194; wird bei Τροφίμη das Feuer als ,,λείψανον εύμετρίης“, als „Überbleibsel der (im
ganzen Kosmos herrschenden) Wohlgemessenheit“ gefeiert, so erscheint es in dem Gedicht der
Τυλλία als moralische Macht, die alles Gute in der Welt verkörpert, ,,σοφρωσύνη σοφίη τε“, Be-
sonnenheit und Weisheit. Eben dieses unsterbliche Feuer ist es, das den Menschen Nachkommen
schenkt und so ihren Fortbestand sichert195. Sehr ähnlich diesen Versen ist der orphische Hymnus
auf Hestia196, in dem die ganze Atmosphäre des Hestia-Feuerkultes eingefangen ist:
186 Vgl. Anatolian Studies (Buckler) S. 119ff.
187 Unentbehrlich ist noch immer Fustel de Coulanges, La eite antique (1864) sowie der Artikel „Hestia“
von Süß in RE VIII/1 Sp. 1257ff. Vgl. auch die ausgezeichnete Studie von R. Merkelbach, Der Kult der Hestia
im Prytaneion der griechischen Städte, ZPE 37, 1980 S. 77ff„ und Miller a. S. 9, Anm. 6, a. O. S. 13ff.
188 Vgl· etwa Pollux I 7: 'Εστία· . . . ούτω ... αν κυριώτατα καλοίης την έν πρυτανείω, έφ ής τδ πυρ άσβεστον
άνάπτεται; Dionysios Hal. II 23: . . . έν τοϊς 'Ελληνικοϊς πρυτανείοις εστία κοινή των φρατριών; Pausanias V 15, 5:
έν αύτω τω πρυτανείω οίκημα ένθα ή έστία.
189 Vgl. Ε 3: Ώ τής άρίστης Ανδροκλείου καί σοφής/δαϊμον πόλεως . . .
190 Vgl. Süß, RE Sp. 1285f. und U. v. Wilamowitz-Moellendorf, Der Glaube der Hellenen, I, S. 153.
191 Vgl. C 1, [D 3], F 8, F 10, [F 11], F 12, N 4; vgl. das Πυρ αθάνατον F 4 und das Πΰρ άσβεστον bei Pollux
a. Anm. 188 a. O. sowie F 1 Z. 3 (in poetischer Umschreibung): θαλερόν φως πατρίδος; Z .4; άέναον φως; Ζ. 5:
δαλδν απ’ ούρανόθεν Ζ. 9: θεόκτιτον φως.
192 Erst spät findet sich ein eigener έστιοϋχος, vgl. S. 103f.
193 F 1; zu Κλαυδία Τροφίμη vgl. 32p.
194 F 4; zu Τυλλία vgl. 61p.
195 Vgl. Cornutus c. 28 (p. 53 Lang): „To δ’ άείζωον πΰρ άποδέδοται τή 'Εστία διά τδ καί αύτδ δοκεϊν, τάχα
δ επει τα πυρά έν κόσμω πάντα έντεΰθεν τρέφεται καί διά ταύτην ύφέστηκεν ή έπεί ζείδωρός έστι καί ζώων μήτηρ,
οΐς αίτιον του ζην τδ πυρώδές έστιν“. Τυλλία war anscheinend ein noch unverheiratetes Mädchen, dem der Kinder-
segen bevorstand. In Ephesos besonders muß man bei der Beurteilung dieses Feuerkultes auch an ein Nach-
wirken der Lehren Heraklits denken, in dessen Kosmogonie das Feuer einen zentralen Raum einnimmt, vgl.
Fragment 30 B (Diels6 1951): „Κόσμον τόνδε τδν αύτδν απάντων, οΰτε τις θεών, ούτε άνθρώπων έποίησεν, άλλ ήν
αει και έστιν καί έσται πΰρ άείζωον, άπτόμενον μέτρα καί άποσβεννύμενον μέτρα“; nach 31 Β ist der ganze Kosmos
,,ύπδ του διοικοϋντος λόγου καί θεού“ aus dem Feuer hervorgegangen.
196 Hymn. orph. 84.
 
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