Göbel, Heinrich ; Göbel, Heinrich [Editor]
Wandteppiche (II. Teil, Band 1): Die romanischen Länder: Die Wandteppiche und ihre Manufakturen in Frankreich, Italien, Spanien und Portugal — Leipzig, 1928

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V i g e v a n o

Herzogtum Mailand.
Vigevano.

Die Manufaktur zu Vigevano repräsentiert keine ständige, zünftig geregelte Wirker-
gruppe; lediglich der Wunsch eines machtvollen Granden beruft, ähnlich wie in
Cadillac, auf kurze Zeit einen Meister von Rang, der nach Erledigung der Arbeit nach
seinem alten Wohnsitze zurückkehrt. Als Aultraggeber tritt Gian Giacomo Trivulzio,
der Marchese von Vigevano (1436—1518), eine robuste Kampfnatur, in Erscheinung —
er unterdrückt 1476 den Aufstand der Gibellinen in Genua, tritt 1486 in neapolitani-
sche, 141)5 in französische Dienste, erobert 1499 das Herzogtum Mailand, als Auszeich-
nung wird ihm der französische Marschallstitel und das Amt eines Statthalters des er-
oberten Gebietes zuteil (1) —; die Wappenschilder der Bordüren lassen darauf
schließen, daß die Folge zur Verherrlichung der 1503 gefeierten Vermählung des Giov.
Nie. Trivulzio mit Paola di Ridolfo Gonzaga bestimmt war (2). Die Durchführung
erfolgte auf dem Kastell des Bestellers. Die vorliegende Folge, eine Monatsreihe von
zwölf Behängen, ist um so bedeutungsvoller, als einesteils die erläuternde Legende zu
Häupten der meisten Stücke — 10 . IA . TB1VS . MAR . VIGL . FRANCIE MARES
(Gian Giacomo Trivulzio, Markgraf von Vigevano, Marschall von Frankreich) — sich
unzweideutig über den Auftraggeber ausspricht, andernteils der Wirker im „Februar"
genannt wird - EGO BENED1TVS . D . MEDIOLANI HOC OPVS FECIT CO (cum)
SOCIIS SVVIS IN V1GLI —, als schließlich die Reihe noch heute vollständig im Be-"
sitze der Nachkommen erhalten ist.

Leider ist, abgesehen von dem nackten Namen, nicht das geringste über Meister
Benedikt aus Mailand bekannt, Der Technik nach ist jedenfalls das eine sicher, daß
Benedikt entweder aus den Grenzgebieten Nordfrankreichs und der Niederlande
stammte oder bei einem der nach Italien abgewanderten Meister in die Schule ging;
ausgesprochen Brüsseler Gepräge verraten die Behänge nicht. Noch weniger gesichert
ist die Zuweisung des Patronenmalers. Eugene Müntz denkt in Übereinstimmung mit
Mongerie (3) an Bartolomeo Suardi, genannt Bramantino, einen der führenden Meister
der Mailänder Schule. Eher noch spricht die Zuschreibung für Foppa (Sebastiansaltar
in der Pinakothek des Castello-Sforzesco) (4); die eigenartige, etwas eintönige, gelb-
braune, durch Gelb, Rot und Blau belebte Farbenskala der Folge erklärt sich zwang-
los aus dem Mangel an geeigneten Farbdrogen und dem nach Italien verpflanzten, in
der Technik begründeten, niederländisch-französischen Wirkereifarbenzirkel, der den
Behängen das einheitliche Gepräge verleiht. Das Gefüge (Korn) der Teppiche ist
ziemlich grob, die Wiedergabe der Zeichnung nicht immer korrekt; die Höhen
wechseln zwischen 4,85 m und 5,20 m, die Längen zwischen 4,55 m und 4,85 m.

Die Folge repräsentiert einen in Flandern häufig auftretenden Typ; jeder Monat
wird durch eine Hauptfigur und die in den betreffenden Jahresabschnitt fallenden Be-
schäftigungsarten oder mythologischen Episoden klar und unzweideutig charakterisiert
(5). Der „Dezember" z. B. ist Luna geweiht; zur Linken des Familienwappens
schimmert das runde Gesicht des Erdtrabanten, zur Rechten erscheint das dem Monat
zustehende Zeichen des Steinbocks. Hoch aufgerichtet steht die Gestalt des alt-
römischen Saat- und Erntegottes Saturnus, des „Säers"; das Fest der Saturnalien, das
in Latium am 17. Dezember begann, nimmt vor dem Tempel mit dem üblichen Opfer
und Schmaus seinen Verlauf, Spenden decken die Marmorfliesen. Ein lateinischer
Vierzeiler zu Füßen des riesigen Beckens glossiert zum Überflüsse das Motiv.

Die Verteilung und Gliederung der Gruppen ist durchaus realistisch — acht Be-
hänge der Folge zeigen einen vorwiegend architektonischen Aufbau, vier Teppiche
ordnen die Figuren in symmetrisch bewegten Bildern —, es fehlt nicht au dem

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