Göbel, Heinrich ; Göbel, Heinrich [Editor]
Wandteppiche (II. Teil, Band 1): Die romanischen Länder: Die Wandteppiche und ihre Manufakturen in Frankreich, Italien, Spanien und Portugal — Leipzig, 1928

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Felletin

Die Manufakturen der March e.

F eile t in.

Die Geschicke Felletins sind politisch und wirtschaftlich auf das engste mit der
Nachbarstadt Aubusson verknüpft. Die erste urkundliche Erwähnung eines Wirkers
(Jacques Bennyn) fällt in das Jahr 1456. Es ist jedoch mit Sicherheit anzunehmen,
daß die Anfänge der Bildwirkerei noch ein Jahrhundert und länger zurückgehen, daß
wir es in Felletin wie in den anderen Orten der Marche mit einer uralten, eingesessenen
Technik zu tun haben. Es spricht vieles dafür, in Felletin den führenden Ort der
Bildwirkerei zu erblicken, soweit das 15. und 16. Jahrhundert in Frage kommen. Die
Erzeugnisse Felletins sind zunächst fast bäuerlicher Art, lediglich auf die Bedürfnisse
des Bürgerstandes und des Kleinadels eingestellt. Es fehlt an dem feineren Rohmate-
rial — Seide gehört in der ersten Zeit zu den unerschwinglichen Luxusgegenständen
—, es mangelt an Farbdrogen; geeignete Kartons sind infolge des Nichtvorhandenseins
einer in nächster Nähe erreichbaren Malerkolonie schwer zu erlangen; eine straffe,
zünftige Organisation, die verständnisvoll auf qualitative Hebung der Erzeugnisse drängt,
ist zu missen. Ähnlich wie in den ländlichen Orten Flanderns und Brabants ist der
Tapissier zugleich Ackerbauer und Wirker. Die erkleckliche Zahl der Gesellen führt
ein denkbar kümmerliches Dasein, der Verdienst bannt nur mühsam die Gefahr des
Yerhungerns. Die Arbeitszeit wird ohne jede gesundheitliche Rücksicht auf das Höchst-
maß angespannt, Kinder im zartesten Alter — in den Niederlanden war der Ausbildungs-
beginn auf das 8. (7) Lebensjahr festgesetzt — arbeiten in harter Fron, Lungenkrank-
heiten dezimieren bereits in den zwanziger und dreißiger Jahren die Reihen der Wir-
ker. Von einem Streben nach künstlerischer Vollendung ist in Felletin noch weniger
die Rede als in Aubusson. Es gilt, die Vorlage in denkbar kürzester Zeit durchzu-
führen; schon der Mangel an geldlichen Mitteln, an ausgedehntem Kredit, läßt jede
qualitative Entwicklung im Keime ersticken. Während Aubusson im 17. und 18. Jahr-
hundert, dank der Tatkraft der führenden Firmen, die Lager in fast allen namhaften
Städten Frankreichs errichten, die in mühsamen Reisen den Boden des Vaterlandes nach
Aufträgen abgrasen, die den erbitterten Kampf um Gleichberechtigung mit den Pa-
riser Fachgenossen führen, die den Regierungsmaßnahmen (seit Colbert) Verständ-
nis entgegenbringen, verzettelt Felletin seine Kraft in nutzlosen Streitereien mit der
erstarkenden Nachbarstadt, sucht mit betrügerischen Maßnahmen den jungen Ruhm
Aubussons zu schmälern. Die urkundlichen Belege fließen nur schwach, die Tatsache
erklärt sich aus dem einfachen Grunde, daß von den Familiendokumenten und Inven-
taren des Kleinadels nur sehr geringe Bruchstücke auf uns gekommen sind. Die einzige
Mobilienaufstellung von Bedeutung ist die der Herzogin von Valentinois, Charlotte
d'Albret, der Witwe des Cesare Borgia, vom 12. Mai 1514 (1). Wir finden nicht
weniger als rund 75 Feiletinbehänge. Die meisten sind grobe Verdüren „de tapisserie
de Felletin ä feuillage". Charakteristischer ist schon eine Folge (10 Behänge) „ä champ
dore, ä verdure, feullaiges et bestes"; anstelle des goldgelben Grundes erscheint auch
ein grünbrauner Fond (22 Behänge). Die beliebten „tapis limoges" (Wirkereien mit
verschiedenfarbigen Streifen) verkörpert die 7 Teppiche umfassende Serie „de tappi-
cerie aussi de Felletin, deux cielz (gewirkte Betthimmel) ä menuz feuillages (aufge-
streute Blumen und Gezweig) sur bandes rouges, blanches et vertes". Die Figuren-
teppiche figurieren unter der Bezeichnung „haute lisse", ein Beweis — wenn es dessen
noch bedürfte —, daß die Felletinbehänge, wie überhaupt die Erzeugnisse der Marche
auf dem tief litzigen Gezeug entstanden sind.

Leider fehlt jede Nachricht, welchem Spezialatelier die Teppiche der Herzogin ent-
stammen.

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