Göbel, Heinrich ; Göbel, Heinrich [Editor]
Wandteppiche (II. Teil, Band 1): Die romanischen Länder: Die Wandteppiche und ihre Manufakturen in Frankreich, Italien, Spanien und Portugal — Leipzig, 1928

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F e r r a r a

Italien.

Herzogtum Ferrara.
F e r r a r a.

Seit dem Jahre 1208 strahlt der Stern des Hauses Este; Markgraf Azzo wird mit
Zustimmung der Kirche Herr der Stadt und des Landes; mit der Erhebung Borso's
zum erblichen Herzog (1470) — er besitzt das Reich als päpstliches Lehen — erreicht
das Geschlecht, das eine seiner ersten Pflichten in der Förderung der Wissenschaften
und Künste sucht und findet, einen Höhepunkt. Jacomo di Angelo de Flandria läßt
sich am 8. April 1436 in Ferrara als Wirker nieder, ihm folgt 1441 Pietro di Andrea
di Fiandra. Schon die Namen besagen, daß es sich um zugewanderte Niederländer
handelt. Die Arbeiten Jacomo's sind zunächst recht einfacher Art, nach dem urkund-
lichen Vermerk ist der Meister berufen „ad repezare bancali et paramenti de la
corte". Das Dekret, das seine monatliche Entlohnung mit 3 Lire festsetzt, datiert
vom 20. Juni. G. Campori, der in seiner „Arazzeria Estense" (1) sich zum ersten Male
ausgiebig mit der Bildwirkerei von Ferrara auseinandersetzt, bringt die beiden Wirker
mit dem Mobilieninventar des Markgrafen in Verbindung, das einen reichen Bestand
an Wandteppichen aufzuweisen hat, darunter befinden sich auch verschiedene Be-
hänge, die unter der Bezeichnung „affigurato novo" figurieren. Es erscheint ausge-
schlossen, daß die beiden Meister, deren Tätigkeit sich zunächst auf Instandsetzungs-
arbeiten beschränkt, sich mit umfangreichen Neuserien, zumal in so weitgehender
Weise, befaßt haben sollten. Daß es sich nicht um ein Atelier großen Stiles handelte,
beweist zudem die Tatsache, daß erst unter Niccolö's Nachfolger, seinem illegitimen
Sohne Lionello (f 1. Oktober 1450), die Berufung weiterer Meister erfolgt, im übrigen
aber nach wie vor die wertvolleren Beliänge nach Flandern in Aultrag gegeben
werden. Leider sind weder die Kartons, die der Landesherr zur Übertragung in Wolle,
Seide und Gold auswählt, noch die zur Durchführung vorgesehenen Manufakturen in
den urkundlichen Belegen näher erläutert. Von 1457 bis 1467 ist Cosme Tura, 1449
sind Jacopo Sagramoro und Niccolö Panizati als Patronenzeichner tätig (2). Es spricht
vieles dafür, daß in erster Linie die Tournaiser Werkstätten für Ferrara arbeiteten.
Wahl scheinlich steht mit diesen Aufträgen auch das Erscheinen zweier Tournaiser
Meister in Verbindung, des Jehan Mille und des Renauld Grue, die 1464 in den Dienst
der Stadt Ferrara treten, Subventionen beziehen und dementsprechend die Ausbildung
von Lehrlingen zu übernehmen haben. Die Wirker werden als «maestri solenni et
perfectissimi de l'arte de la tapezaria" bezeichnet (3). Hauptauftraggeber der beiden
Gesellschafter ist Markgraf Borso, der regierende Landesherr. Ein urkundlicher Beleg,
den Campori wiedergibt (14. Januar 1465) (4), spricht von diesen Arbeiten, Venturi
bringt die genaueren Rechnungsauszüge (5). Der Vermerk vom Jahre 1472 erwähnt
aus der Mille'schen Werkstatt einen der in Tournai üblichen Millefleursteppiche, der
augenscheinlich zu einem umfangreichen Wirkereizimmer gehört (6), sowie eine «Chu-
perta da leto da Cariola", es handelt sich um eine gewirkte Prunkwagendecke für
die Einzugsfeierlichkeiten Eleonoras von Aragon (5. Juni 1473), ähnlich dem Behänge
für das Staatsschiff des Fürsten «per ornare tuto il Bucintoro grande dela Ext'«", von
dem bereits 1465 die Rede ist; das Dekorationsmotiv ist in beiden Fällen das gleiche,
„a larma e divisa", ähnelt also dem Wappenbehange Karls des Kuhnen im Berner

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