Göbel, Heinrich ; Göbel, Heinrich [Editor]
Wandteppiche (II. Teil, Band 1): Die romanischen Länder: Die Wandteppiche und ihre Manufakturen in Frankreich, Italien, Spanien und Portugal — Leipzig, 1928

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N e a p e l

Königreich Neapel.
Neapel.

Nach Wilhelm Rolfs «Geschichte der Malerei Neapels" (Leipzig 1910), beruft Karl II.
1307 zwei «arazzieri" Petro und Francesco de Coraciis aus Florenz. Der Vorgang
würde für die Geschichte der Bildwirkerei von außerordentlicher Tragweite sein,
wenn es sich tatsächlich um Wirker gehandelt hätte. Nach den urkundlichen Belegen,
die ich in Abschrift der Liebenswürdigkeit des Staatsarchives zu Neapel verdanke,
kommen jedoch lediglich Tuch- oder Teppichmacher in Frage (1).

Für das 14. und IS. Jahrhundert fehlt bislang jeder auf ein Wirkteppichatelier ein-
wandfrei bezugnehmende urkundliche Beleg. Rolfs erwähnt zwar (1432) einen „Weber",
namens Bartel Oriol, der „nach den von ihm gelieferten Zeichnungen drei Gewebe,
eine Auferstehung, einen hl. Anton und ein anderes angefertigt hat," Quellenangaben finden
sich bei Rolfs nicht, im Staatsarchiv Neapel ist ein diesbezüglicher Beleg nicht vor handen.
Der von Minieri Riccio (2) — dem „Cedole della Reale Tesoreria Aragonese dell'anno
1455" entnommen — unter dem 31. August d. Js. erwähnte Giovanni Yvanyes ist Sticker.
Auch Gaspare Endenino (Endemiro), der in dem Rechnungsbeleg vom 9. Juni 1456
zwar als „arazziere" geführt wird und verschiedene Meßgewänder (1453, 1456) liefert,
dürfte trotz der Bezeichnung nicht den Wirker- sondern den Stickerberuf aus-
geübt haben. Die verschiedentlich urkundlich erwähnten Ankäufe niederländischer
Wirkereien — 1419 von dem flämischen Händler Martin Bossa, 1430 von Wilhelm
von Uexell, dessen Name öfter in den italienischen Belegen wiederkehrt — sind für
die Geschichte der neapolitanischen Bildwirkerei ohne sonderliche Bedeutung.

Für das 16. und 17. Säkulum mangeln alle Unterlagen, eine Tatsache, die umso be-
merkenswerter erscheint, als der Hof von Neapel trotz des mehrfachen Wechsels der
Dynastien stets ein reges Interesse für reiche Bildteppiche bekundete, und es wahrlich,
zum mindesten soweit das 16. Jahrhundert in Frage kommt, nicht an wanderfrohen
niederländischen Meistern fehlte, die das Königreich durchstreiften.

Mit dem Ableben des letzten Sprosses aus dem Hause Medici, des Großherzogs Giovanni
Gasto, ist das Schicksal der alten florentinischen Manufaktur besiegelt. Franz Stephan von
Lothringen, der die Erbschaft 1737 antritt, schließt die mediceischenBildteppichwerkstätten
bereits am 5. Oktober des gleichen Jahres. Karl VII. von Bourbon, König beider Sizilien,
nimmt die brotlos gewordenen Kunsthandwerker1 mit offenen Armen auf; sein Gesandter
am toskanischen Hofe, Fra Salvatore Ascanio, führt die Vorverhandlungen mit Geschick und
Erfolg. Der Oberintendant D. Giovanni Brancaccio und der Intendant Giovanni Bernardo
Voschi treffen alle Vorbereitungen für die Einrichtung der neuen Manufaktur; am
27.November langen der als Direktor in Aussicht genommene Domenico del Rosso und
der künftige Administrator Giovanni Francesco Pieri, der bisherige Leiter der florentini-
schen Ateliers, in Neapel an. Die Werkstatt ist in San Carlo alle Mortelle untergebracht,
1738 sind die Meisterw7irker Bernardo Cavaliere (Cavaleri), Antonio Valente (Valenti),
Niecola Manzini (Niccolö Manzi), Giuseppe de Filippis di Ancona, Marco Gosler, Antonio
Luigi Mingoni (Mindrioni), Sebastiano Pieroni, Carlo Mugnar, Orlando Filippini in voller
Tätigkeit. Die Besoldung wird nach der in Florenz üblichen Weise geregelt, Dome-
nico del Rosso bezieht als Direktor neben freier Wohnung einen Monatsgehalt von
20 Dukaten; G. F. Pieri als Administrator einen solchen in Höhe von 25 Dukaten; der
monatliche Lohn der Wirker — nicht alle haben freie Wohnung — wechselt zwischen
15 und 17 Dukaten. In eingehender Weise ward das Lehrlingswesen behandelt, wir
finden in der Ausbildung Gaetano Leurie, Francesco Cipriani, Michele Langella (Lan-
zetta), Beniamino Zamparelli, Giovanni Conti, Gennaro Zamparelli, Francesco Piro,
Francesco d'Agostino und die beiden jungen Leibneger des Königs Giuseppe und Antonio.

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