Göbel, Heinrich ; Göbel, Heinrich [Editor]
Wandteppiche (II. Teil, Band 1): Die romanischen Länder: Die Wandteppiche und ihre Manufakturen in Frankreich, Italien, Spanien und Portugal — Leipzig, 1928

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Venedig

Republiken.

L Venedig.

Venedig zählt von alters her zu den hervorragendsten Stapelplatzen reicher Textilien,
unter denen allerdings die geknüpften orientalischen Fußteppiche, die Brokate und
Stickereien den Hauptteil ausmachen; der gewirkte Behang beansprucht nur einen ver-
hältnismäßig bescheidenen Platz.

Wie fast in jeder Stadt Italiens, in der eine machtvolle Oligarchie am Steuer steht,
die sich, in Erkenntnis ihrer Repräsentationspflichten, feinsinnigem Luxus nicht zu ent-
ziehen sucht, finden sich auch in Venedig frühzeitig Bildwirker ein, die in erster Linie
mit den einfacheren Arbeiten betraut werden. Die kostbaren umfangreichen gold-
und silberdurchwirkten Folgen gelangen im wesentlichen nach wie vor über den
Stapelplatz Brügge, der von den Großmanufakturen von Arras, Paris und Tournai in
erster Linie beliefert wird, in das Gebiet der Republik. 1421 lassen sich die beiden
Flamen Giovanni di Bruggia — Meister Johann stammt aus Brügge — und Valentino
di Raz — Valentin aus Arras — in der Lagunenstadt nieder. Ein sicherer Nachweis über
Umfang und Art ihrer Tätigkeit ist nicht zu erbringen. Wahrscheinlich befaßten sie
sich, wie die Mehrzahl ihrer wandernden Fachgenossen, die zumeist nicht zu den
Größen auf dem Gebiete der Bildwirkerei zählten, mit der Anfertigung von Antepen-
dien und Bankteppichen. Die Möglichkeit ist nicht ausgeschlossen, die beiden Meister
mit dem „arazzo o banchale affigurado longo br. VIII" (1431) und dem «palio dalttar
di razo auerdure chon nostra dona e m. san Zuanne (Johannes der Täufer) e m. santto
ambruoxo (S. Ambrogio)" (1439) in Beziehung zu bringen (1). Eine ähnliche Angabe
aus dem Jahre 1450 findet sich in dem Inventar der scuola di S. Teodoro: «item uno
panno de Razo daltar con uno saneto teodoro in mezo e lärme da ponte", die Gestalt
des heiligen Theodor war von den Wappen des Stifterpaares umgeben und gefaßt.
Inventar- und Schenkungsvermerke, leider ohne Bezugnahme auf den Ort der Er-
zeugung, finden sich noch des öfteren im 15. Säkulum. Nicht- minder kärglich sind
die urkundlichen Belege hinsichtlich der für die Kleinmanufakturen tätigen Patronen-
maler. Es läßt sich lediglich um 1450 ein „Aluise pentor (Maler Aloise)" nachweisen,
der im Auftrage der Patrizierfamilie der Zorzi den Bildteppichkarton für eine Ge-
schichte des heiligen Theodor entwirft (2). 1473 ist der bekannte Cosimo Tura als
Patronenzeichner in Venedig tätig (3). Ob die von den Meistern durchgeführten Pa-
tronen venetianischen Ateliers zur Übertragung in Wolle und Seide anvertraut werden,
oder ob nicht mit größerer Wahrscheinlichkeit niederländische Manufakturen in Frage
kommen, ist nicht mit Sicherheit zu entscheiden. Im gleichen Jahre (1473) erscheint
die Firma (ob Wirker?) Aloino (Aluoino) di Fiandra et Compagni als Lieferantin des
Hauses Este (Ferrara). In ähnlicher Weise betätigen sich Zorzo de boscardo de Ja-
como de ardos da guanto, Zorzo de Sigilo da alens und Zoane Arzifele et Compagni
im Dienste Ercole's I.

Im 16. Säkulum nimmt der Erwerb reicher Tapisserien durch die führenden Adels-
geschlechter Venedigs einen starken Umfang an; Gentiii und andere Literaten bringen
ausführliche Schilderungen über die prunkvolle Ausstattung des Dogenpalastcs und
der Häuser des Hochadels, Rückschlüsse auf die in Venedig ansässige Wirkerkolonie
ergeben sich in keinem Falle. Es handelt sich durchgängig um Erzeugnisse der großen
Manufakturen Flanderns und Brabants, der Ateliers von Ferrara und Florenz (4). Für
die Tatsache, daß die Bildteppichwirkerei in Venedig um die Mitte des 16. Säkulums
nicht in größerem Umfange betrieben wird, spricht u. a. der Vertrag, den am 20. Ok-
tober 1550 Jan Rost, der führende Wirker der medieeischen Manufaktur, mit dem
Prokurator von San Marco schließt. Die reich mit Metallfäden durchwirkten Behänge

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