Göbel, Heinrich ; Göbel, Heinrich [Editor]
Wandteppiche (II. Teil, Band 1): Die romanischen Länder: Die Wandteppiche und ihre Manufakturen in Frankreich, Italien, Spanien und Portugal — Leipzig, 1928

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Lissabon

Portugal
Lissabon. Tavira

In Portugal erscheinen die „panos de raz" (Bildteppiche aus Arras), auch kurzweg
„razes" genannt, des öfteren in den urkundlichen Belegen und Inventaren des Königs-
hauses und der großen Kathedralen. Ich habe in dem ersten Teile meiner „Wand-
teppiche" (Niederlande) mehrfach die in Flandern und Brabant erzeugten, mehr oder
weniger reichen, nach Portugal überführten Teppichfolgen erwähnt, so die „Genealogie
der portugiesischen Könige", die Pieter van Aelst 1511 in Auftrag nimmt (1), zahlreiche
Teppiche mit den Hoheitszeichen der Herrscher Portugals u. a. mehr (2). Eine äußerst
interessante Tournaiser Folge (aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts) „die Taten
Alfons V. in Marokko" tauchte unlängst wieder auf. Reynaldo as Santos widmete der
Serie eine eingehendere Untersuchung (As tapecarias da tomado de Arzila, Lissabon
1925).

Besonders rege sind die Verbindungen mit Tournai und Brüssel (3).

Die Nachrichten über die in Portugal ansässigen Teppichwirker sind außerordentlich
spärlich. Um 1450 ist ein Joao de Froestag, zweifellos ein Flame, in Lissabon tätig;
es scheint sich, außer der Anfertigung einfacher Wappenwirkereien und der in großen
Mengen seitens der königlichen Hofhaltung benötigten gewirkten Saumtierdecken, wohl
auch um Instandsetzungsarbeiten gehandelt zu haben. Um die gleiche Zeit wird ein
Meister Martin erwähnt »que ajudava a facer panos de armar" (Wappenteppiche),
etwas später tritt ein Wirker Pero Fernandes in Erscheinung. Ob der „mestre tape-
ceiro" Simao de Ariche, der unter der Regierung König Manuels (1495—1521) den
Betrag von 200 Cruzados für einen golddurchwirkten Behang — „Christi Kreuzigung" —
erhält, ein in Lissabon ansässiger Wirker oder, was wahrscheinlicher sein dürfte,
identisch mit dem gleichnamigen Florentiner Händler war, steht dahin. Die ver-
schiedentlich auftauchenden Namen in königlichen Diensten stehender Wirker sind
bedeutungslos; es handelt sich nicht um selbständig arbeitende, neue Folgen erzeugende
Meister, sondern lediglich um Verwalter und Erhalter des fiskalischen Textilienschatzes,
kurz um wirkkundige Gesellen, wie wir sie seit dem 14. Säkulum fast an jedem
größeren Hofe finden.

Von gewisser Bedeutung scheint eine Lissabon er Werkstatt um 1555 gewesen zu
sein; Rodrigues de Oliveira bezieht sich in seinem „Summärio" (1555) auf sieben in
der Hauptstadt ansässige Wirker, die sich augenscheinlich zu einer Art Innung zu-
sammengeschlossen hatten; der Geselle, der die Meisterwürde anstrebte, mußte nach-
weisen, daß er ein bärtiges Mannesantlitz, Fuß und Hand, ein faltiges Gewand, Blumen
und Zweige in ein Schmuckgefäß geordnet, einen Löwen und anderes Getier sach-
und kunstgerecht durchführen konnte (Duarte Nunes de Liäo).

Hermann Vermeiren, der Schützling des Erzherzogs Albert, läßt sich während des
Vizekönigtums seines Gönners in Lissabon nieder und betreibt eine nennenswerte
Manufaktur, er kehrt mit seinem Herrn 1596 nach Brüssel zurück und bekleidet noch
in hohem Alter das Amt eines „tapicero mayor" (4).

Kleinere Werkstätten, die sich mit Reparaturarbeiten und der Anfertigung der „repo-
steiros" genannten Kleinwappenwirkereien befassen, arbeiten unter der Herrschaft des
Königs Sebastiäo (1557—1578) in Olivenca, das zeitweilig der bereits erwähnte Pero

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