Göbel, Heinrich ; Göbel, Heinrich [Editor]
Wandteppiche (II. Teil, Band 1): Die romanischen Länder: Die Wandteppiche und ihre Manufakturen in Frankreich, Italien, Spanien und Portugal — Leipzig, 1928

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Florenz

Großherzogtum Toskana.
Florenz.

Verhältnismäßig spät scheinen die im 15. Jahrhundert Italien durchstreifenden nieder-
ländischen Wirker Florenz aufgesucht zu haben, zum mindesten datiert die früheste
Nachricht erst aus dem Jahre 1457; Livinius Gilii de Burgis, Lieven Gillisz aus Brügge,
— der Wirker figuriert von 1441 bis 1473 auch in den Hofrechnungen des Hauses Este
(Ferrara) — liefert der Republik 1300 Quadratellen Bildwirkerei. Es ist auffällig,
mit welchen geradezu übertriebenen Ausdrücken der Bewunderung sowohl der Meister,
als auch seine Arbeit gefeiert werden: „Nam unum inter ceteros pro nostra repubhca
contexuit, figuris distinxit, discoloribus ac tanta proprietate naturalibus proxima, ut
solum spiritus ac vox deficere videantur, et vera corpora dici possint'1. Das Dank-
schreiben der Republik schließt mit einer warmen Empfehlung (1). Aller Wahrschein-
lichkeit nach handelte es sich um die Durchführung der „spalleria", die Neri di Bicci,
der Sohn des größeren Bicci di Lorenzo, in gemeinsamer Arbeit mit Vittorio Ghiberti
14S5 für die Signoria von Florenz entwarf und in großem Maßstabe auftrug. Die
Tatsache, daß Neri di Bicci ein Atelier betrieb, das in seiner Vielseitigkeit an die ver-
wandten niederländischen Werkstätten der Rapondi und van Roome erinnert, das
fast handwerksmäßig Fresken, Altarbilder und Teppichentwürfe in die naturalistischen,
allerdings stark vergröberten Formen des Quattrocento goß, legt die Vermutung
nahe, daß die in dem Anerkennungsschreiben erwähnten Wirkereien des Meisters
nicht die einzigen waren, die in Florenz entstanden. Aller Wahrscheinlichkeit nach
stammte der Entwurf, der „petit patron", von Neri di Bicci, Vittorio Ghiberti dürfte
nach bekanntem Muster die Übertragung in die Naturgröße vorgenommen haben. Im
übrigen sind uns genügend Arbeiten Bicci's überkommen, die einen Rückschluß auf
die Eigenart der Teppiche zulassen, in erster Linie dürften die Behänge wohl dem im
gleichen Jahre entstandenen besten Werke des Künstlers, dem Fresko mit San Gio-
vanni Gualberto und zehn Heiligen im Hofe von San Pankrazio nahestehen. Wahr-
scheinlich arbeitete der Wirker Rubichetto, den Piero von Medici (1464—1469) Borso
von Este zur Verfügung stellte, zuvor mit in der Werkstatt des Livinius, die nach
dem Umfange der in dem Begleitbriefe erwähnten Behänge ein beträchtliches Ausmaß
besessen haben muß. Der Grund, weshalb der Meister um 1458 seine Zelte abbrach
und sich wieder Ferrara zuwandte, ist nicht ersichtlich, wahrscheinlich war der Boden
in den letzten Jahren der Herrschaft Cosimos von Medici, in der eine habsüchtige
Oligarchie die Macht an sich zu reißen suchte und den kränklichen Sohn Piero zu
lang andauernden, schweren Kämpfen zwang, einer so ausgeprägten Luxusindustrie
nicht sonderlich günstig.

Merkwürdigerweise nimmt unter dem größten Fürsten aus dem Hause Medici,
Lorenzo il Magnifico, dem Freunde aller Künste, die Bildwirkerei in Florenz kernen
nennenswerten Aufschwung. Johannes de Alemania — schon der Name besagt, daß
es sich um einen Flamen handelt — der Sohn eines gleichnamigen Vaters, ist 1476
für das Kirchenkapitel von S. Maria del Fiore tätig. Er bezieht am 20. Dezember den
Betrag von 40 Lire „pro parte unius par spallerium". Ein weiterer Vermerk datiert
vom 19. März 1478 (1479 n. St.) (2). Das Motiv wird leider nicht genannt; aller Wahr-
scheinlichkeit nach handelt es sich — auch der Preis läßt hierauf schließen — um
mittelwertige Arbeiten, die die Figur des Kirchenpatrons oder anderer Heiligen, viel-
leicht auch die Stifterwappen zur Darstellung brachten.

Ein Menschenalter schweigen die Nachrichten. 1533 taucht sporadisch ein Peter
van Gent auf. Erst unter der Herrschaft Herzog Cosimos I. (1537—1574) vollzog sich
die Gründung einer auf ausreichenden Grundlagen fundierten Staatsmanufaktur. Jan

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