Heidelberger Jahrbücher der Literatur — 51,1.1858

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386 Neueste Sammlung ausgewählter Griech. u. Röm. Classiker.
darthut, wie wenig man Recht hat, von der geschichtlichen Ueberlieferung,
wie sie Livius uns bringt, abzugehen, oder sie als Mythe auszugeben, um dann
an die Stelle dieser angeblichen Mythe die eigene Phantasie als geschichtliche
Wahrheit der Welt aufzubürden, so zweifeln wir nicht, dass der gesunde Sinn
der Leser, die der historischen Wahrheit überhaupt noch zugänglich sind, ihm
beistimmen wird. Man hat dem Livius vorgeworfen, dass er als Rhetor die
Geschichte Roms geschrieben : die neueste römische Geschichtschreibung nimmt
immer mehr den Anlauf eines Romans und erfüllt dadurch mit Staunen eine
Welt, die an einer dem Zeitgeschmack huldigenden Manier mehr Gefallen fin-
det als an gründlicher Forschung und tüchtigem ■ Quellenstudium.
Unter den übrigen Bemerkungen erinnern wir, um wenigstens Einen Beleg
daraus anzuführen, an die zu cp. 14 gemachte Bemerkung über den Unter-
schied der libri fatales und der libri Sibyllini, die beide oftmals in einer
solchen Weise genannt werden, dass kein eigentlicher Unterschied zwischen
beiden stattzufinden scheint. Nach der Auffassung unsers Verfassers haben
wir libri fatales als einen allgemeinen Ausdruck zu betrachten, als eine
Benennung für Bücher, die einen Theil der Quellen der etruskischen Divina-
tionslehre bildeten, und somit auch die sibyllinischen begreifen konnten, die
aber als ein besonders neben den sibyllinischen Büchern der Aufsicht der De-
cemvirn unterworfen waren. Ein weiterer Unterschied wird, und mit Recht,
auch darin gefunden, dass die sibyllinischen Orakel griechisch, die libri
fatales ursprünglich etruskisch oder in lateinischer Uebersetzung (was uns
wahrscheinlicher bedünkt) vorlagen.
Die Fortsetzung des Strabo in einem dritten Bändchen ist mit derselben
Genauigkeit gemacht, die wir in frühem Anzeigen an den vorausgehenden
Bändchen hervorgehoben haben: wo die Leseart streitig ist oder die Ueber-
setzung, bei dem Ungenügenden des überlieferten Textes irgend einer Verbes-
serung folgt, um einen entsprechenden Sinn zu gewinnen, ist dies stets ange-
geben: wir stossen aber auch auf zahlreiche Verbesserungen des griechischen
Textes durch den Uebersetzer selbst, der dadurch seiner Arbeit einen weiteren
Werth verliehen hat, den Alle diejenigen, die mit der Kritik des Textes sich
befassen, wohl anzuerkennen haben. Endlich hat der Verfasser auch auf jeder
Seite kurze erklärende Bemerkungen geographischer oder historischer Art bei-
gefügt und damit auch stets die Angabe der jetzigen Ortsnamen verbunden.
Die Uebersetzung der Dramen des Euripides, von der die beiden
ersten Bändchen vorliegen, wird eine besondere Beachtung verdienen. Aus-
gegangen von einem der Meister Deutscher Verskunst sucht sie die grossen
Schwierigkeiten, mit denen eine Uebertragung des Euripides in unsere Sprache
zu kämpfen hat, zu überwinden und in einem wohlgerundeten, fliessenden und
dadurch auch wohlgefälligen Rhythmus uns den Fluss und die Zierlichkeit der
Rede, die wir an diesem Dichter bewundern, erkennen zu lassen, ohne irgend-
wie gegen die Gesetze der deutschen Sprache und Verskunst sich zu verfehlen
oder durch künstliche Wendungen der leichtern Auffassung und demVerständ-
niss Eintrag zu thun. Jedem der beiden Stücke geht eine besondere Einleitung
voraus, die uns die ganze Oekonomie des Stückes, Plan und Anlage, wie
Durchführung darlegt, und damit zugleich eine ästhetische Würdigung des
Einzelnen wie des Ganzen verbindet; bei dem zweiten Stücke, dem Ky-
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