Kladderadatsch: Humoristisch-satirisches Wochenblatt — 45.1892

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43 erlitt, Den I. Mai 1892.

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■enn jetzt ins Land Du kommst, o holder Mai.
So findest vieles merklich du verändert.

Sonst wurdest dn begrüßt vom Jubelruf
Harmloser Menschen, die des jungen Grüns,

Des Sonnenscheins und Vogelfangs sich freuten.
Vor allen rührig zeigten beim Empfang
Die Dichter sich, wetteifernd sangen sie
Dein Lob und zählten alle Waben auf.

Die freundlich dn den Grdenkindern bringst.

Vicht immer war dir angenehm dies Singen,

Denn viele Lieder waren herzlich schwach,

Doch schließlich war ja alles gut gemeint.

Und milde drum verziehest du den Sündern.

Wie wirst du heut ganz anders doch empfangen!
Entgegen strömen wüste Scharen dir,

An denen schwerlich dn viel Freude hast.

Geziert mit rothen Schleifen ziehen Männer
Und Weiber lärmend ans in Wald und Feld.

Ein Maifest eigner Art dort zu begehn.

Vicht freuen harmlos sie des Frühlings sich,

Mit Spannung lauschen aus den Redner sie,

Der mit dem eingelernten Phrasenschwulst
Das Vahn verkündet einer neuen Zeit,

Der goldnen Zeit, die jeden glücklich macht
Und all die tausendjährigen Gebrechen

Der armen Menschheit aus dem Grunde heilt.

In Reime sind die Phrasen auch gebracht,

Und nach der Weise, die vom Brudervolk
Der Franken man entlehnte, fingt die Menge
Mit rauhen Gehlen sie. Gar fieißig wird
Dabei getrunken, bis den rothen Schleifen
An Färbung nah kommt manches Angesicht.
Verwundert blickst dn auf das wüste Treiben
Und denkst gewiß: „Den Leuten ist der Kopf
Zu heiß, drum thut es sicher ihnen gut,

Wenn ich mit Regengüssen, Hagelschauern
Und scharfem Windhauch ihnen Kühlung schaffe."
Begreiflich wär's, wenn in gerechtem Zorn
Du's thäteft, doch bedenke, daß im Land
Auch viele gute und verständ'ge Menschen
Voch wohnen, die in stiller Sehnsucht lange
Auf dich geharrt in trüber Winterzeit.

Willst mit den Thoren du sie büßen lassen,

Was sie doch nicht verschuldet? Nein, das kannst
Du nicht, denn milde bist und freundlich du.
Vergib darum, wie's hohem Sinn geziemt.

Den Sündern nm der Guten willen, zeige
Dich hold und laß an deinen reichen Gaben
Gerechte sich und Ungerechte laben!

Kladderadatsch.
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