Zentral-Dombauverein <Köln> [Editor]
Kölner Domblatt: amtliche Mittheilungen des Central-Dombau-Vereins — 1842 (Nr. 1-27)

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mäldm, wklche allem Anscheine nach aus dcr ersien Ze:t nach der Ec-
bauung de« Ehores hersiammen. Die ganze Äuffassungs- und Behand-
lungswcise, inSbesondere dir ceichen architckkonischen Goldeinrahmungen,
welche die einzelnen Gruppen unigcben, rcaqen unvcrkennbar Las Ge-
präge jencr Zeik, welche die vbersten Fenstcr des Chores und die vier-
zehn Standbüder an den Pfcilern umbcr entstehen sah, wie man denn
auch aus dcr baulichen Anlage der bckreffenden Oertlichkeit leicht er-
ffehen kann, daß dieselbe qlcich von vorn herein auf Wandgemälde
berechnet war, wclche die Stclle der sonst gcwöhnlichcn baldaehinarki-
qen Lauben aus Holzschnitzwerk nber dcn Chorstiihlen verkrclen sollken.
Ducch vergoldetcs gvkhisches Bogenwerk mit reichem architekronischcm
Schmuckc ist cine Galcrie gcbildet, als deren Fuß wieder eine zwcike,
kleinerc dient. Jn den Bogenstelluugen dcr großcn Galerie sicht man
bildliche Darstellungen, welchc sich aus dic Ei'nfühcung des Christen-
thums in Dcutschland beziehen; die einzelnen Nischen der klcinen un-
tern Galerie sind auf rechter Chorseite mit stehenden Bilbniffsn vvn
Bischöfen, auf dcr linken mit Königsbildern geziert.

So sehr dicse Wandgemäldc auch unker allen den widrigen Einflüssen
mit gelitten habcn, wclchen der Dom so langeZcit hinducch ausgesctzt
war, so ist doch noch so viel von ihncn gcrcttct, daß ihre Hrrstellung
nichk allcin möglich, sondern sogar lelclik ausführbar erscheint. Es be-
darf gleichsam nur eines ersrischcndcn Hauchcs, um all diescn Reich-
Lhum von Figucen und Farbcn wicdcr aufleben zu machen; so wic
die darüber besindlichen, mit dcnselben Farben bemaltcn und überhaupt
rn demselben Verzierungs-Skyle gehaltenen Apostelstatuen schon jetzl
wieder in ihrem ganzen ursprünglichen Glanzc prangen. Zn dem Zeit-
nlter, welchcs man in Frankrcich daS goldene beizunennen beliebke,
hatte man cinen Prachtteppich mit schwülstigen allcgorischci: Darstkl-
lungen, im Geschmacke damaliger Zeik, mit deffen halbem GelLwerrhe
oie vollständi'gste Restauration der in Redc stehendcn Geniälde ha'llc
bewirkt werden können, über diesclben gehängt, wahrschcinlich um die
„gvthische Barbarei" möglichst mrt dcm vcrsailler Hofstyle zu vecsöh-
nen, der sich leider nicht blvß auf diesen GobelinS in unsecn Cbor
eingedrängt hal. Erst vor Kurzem sind die Gemälde wieder auS dieser
Vcrhülknng, welche wenigstenS das Gute qehabt hat, sie vor der Uebcr-
tünchung zu schützen, hervorgetretcn, und haben svfort dic Aufmcrk-
samkeit dcr Kunstkenner in hohem Grade in Anspruck genommcn.
Iwar zelgt sich hier nicht jene Füile von Lcben und Fsrm, jene Be-
herrschung der Menschengestalt in alien Situalionen und Bewegun-
gen, jene Exactheit und Rundung und jene gewandtc Eleganz des
Pinsels, wie solches alles mit der s. g. Renaissancc ausgekommen und
seitdem mehr oder weniger ein Erbtbeil fast allcr Schulen und irgcnd
namhaftec Künstler geworden ist. Die augenfälliqsten Verstöße qegen
die Regeln der Anakomie und Perspcctive, Unbehelfenbeit in der
Gruppirung, Gezwungenheit der Haltung, Steifhei't dcr Figuren, allcs
dics beleidigt, wenn man so wi'll, fast aller Drten den in moderner
Kunstweise und Technik herangebi'ldeten Geschmack. Dafür abcc treten
uns andere Eigenschaften in diesen Bildern entgegen, welche gegen die
«ben gedachten Gebrechen wohl in die Waqschale gelegt werden dürfen.
Sie qeben jene unbefangcnc AuffaffungSweise zu erkenncn, es leuchtct
aus ihnen jene seelenvolle Znnigkeit und demülhige Sclbstverläuqnuffg
hervor, welche in dec ersten und kräftigsten Entwickclungsperiode der
christlichen Kunst die erhabenstcn Geister in den Gesichkskreis dcs
Aermsten und Niedrigsten treten ließen, wodurch diese Kunst einstmals
so edel, so qeliebt, so volksthümlich geworden ist und übcrall umher
strahlendes Aeugniß ablegte von der unerschöpslichen Fruchtbarkcit und
idealen Schönheit des gottentstammten Glaubens.

Auch das ist noch eine charaktcristische Eigcnhcit jener Zeit und ibrer
Äunstwcise, daß das kleinste Detail der Jdee des grandiosesten Ganzcn
stäls entsprach, dasselbe gewisscr Maßen nuc in eigentkümlicher Bre-
chung reflectirte, und daß sich dabei niemals das seiner Nalur unv
Bestimmung nach Untergeordneke zur Ungebühr überhob. Diese Har-
monie mit dem großen Bauwerke, diese Unterordnung umer das höhere
architektonische Gesetz zeigen unsere Wandgemälde, welche ihrer ur-
sprünglichen Bestimmung nach nur eine Art von Tapeten vsrstellen
sollen, in dec schönsten und sinnigsten Weise; sie geben sich einerseits
sofort al» zierenbes Beiwerk ohne selbstständige Geltung zu erkcnncn
und erschöpfen andererseitS alles, was auf ihrem Eebiete nur immec
sich darbot. — Diese Werke sind ein nothwendiges Complement der
Ausstattung dcs hohen Chores, und cs ist mindestens eben so dringend,
daß sie hergestellt und der Nachwelt gesichert werden, als daß die
Engel in den Guctboqenfeldecn wiedcr erscheinen, aus welchen dieselben
dermalen ganz und gar vsrschwunden sind. Das im Protocolle der
letzten Vorstandssitzung crwähnte, auf die Herstellung dieser EngelS-
stguren bezügliche Schreiben des hohen OberpräsidiumS der Rheinpro-
vinz sagt, daß dicse Herstellung „im Geiste der altcn Malerei"
igeschehen solle; dieser Geist aber ist nur, oder doch vorzugsweise, aus
den Werken zu erkennen und zu enrnehmen, von welchen leider so
wenige nuc sich zu uns herübcr gecetket haben. Für diesc wenigen muß
man deßhalb voc Allem Svrge tragcn; ganz besonders aber gilt dieS
füc die in Rede stehcndcn Reli'quien, auS welchen jener „Geist der
alten Malerei" trvtz allec Hemmniß der KLrperlichkeit so hell hervor-
leuchtrt und die bei der fernern Aukschmückung des Domes als
Q.ue!!en benutzt werdcn müssen, wcnn nicht die wunderbare Einheit,
rvelche dieses Äaudenkmal vor allen ähnlichen so wesentlich auszeichnet,
der modernen Anschauungsweiss zum Opfer gebracht werden soll.

Mit großen Kosten beschaffen sich unsere Museen chinesische und
ägyptische Zerrbilder, um der Bedeutung willen, welche sie für die
Entwickeliingsgeschichte der Kunst haben sollen; im hiesigen Tcmpel-
hause hat man bei ber Bemalung dcr Wände, vielleicht nicht mir Un-
rccht, sich bemühk, allerhand byzantinisle Schiefhciten und Grotesken
anzubringen, um ja nicht ans dem Style des Gebäudcs zu fallen —
und im Dome ssllte man der Vergessenheit und der allmählichen Vcr-
nichtung Wcrke Preis geben wollen, welche, mit dem crhabencn Bau-
denkmale auf daS innigste vcrwachsen, so seltene Knnde bringen aus
jener Zeit, in welchcr iir unserm Vaterlande die Kunst drr Farben mit
schüchternem Flügelschlage ihren ersten Aufschwung wagtef — Man
hal vorgeschlagen, kunstreich ausgefüyrtc Staffeleibilder vor diese Wand-
gemäldc hinzustellen, um auf dicse Weise die Wiederherstellungsfrage
zu unigehen; aüein man würde dadurch in die nqmlicheu Sünden
verfailen, welche die letzten zwei Jahrhunderte begingen, indem sie das
Jiinere nach ihrem Geschmacke ummodelten, statt, als gelreue Depo-
sitare, das Vorhandene zu hüren, das Fehlende aber nach den Planen
der qroßen Begründec zu ergänzen. Auch die Perrückenzeit war von
der Ueberzeugung durchdrrmgen, daß ihre Zulhaten den Schöpfungcn
deS MittelalterS nuc zur Zierde und Ehre gereicken könnten, und daß
die Meister Erwin und Gcrhard sicherlich bei Mansart in die Schule
gegangen sein würden, fallS sic rsicht daS Unglück gehabt hätten, vier
Zahrhunderte voc Erbauung dcs Palastes von Versaille daS Licht dec
Welt zu erblicken. Wenn aber irgend ei'n Werk dem Neuerer Miß-
krauen in sich und seine Krast ei'nzuflößen geeignet ist, so ist dies ge-
wiß unser Dom; was nian auch immec daran umgemodelt, immer ist
nur ein Mißton mehc in den großartigen Nccerd gekvmmen.

Die wärdige Herstellung der fraglichen Chorbilder dürste übrigens
auch weder mit sehr großen Kosten, noch mit besondern Schwierigkel-
ten vccbunden stin. Die Temperafarben, in welchcn sie gemalt sind,
erschweren zwar sehc das Reim'gen und Rekouchiren; dagegen bedarf
cS abec auch bci dcr einfachen decorativen Haltung bes Ganzen, so wie
den viclen Vecgoldungen und Teppichgründen keines sehr hohen Gra-
dcS von Kunstbildung, vielmehr nur eines guten technischen Geschlckes und
der Gcwisscnhastiqkeik voc allen Dingen, um die meist noch wohl erkenn-
bacen Figuren und Farberr zu restauriren. Freilich müßten die Her-
stellungsarbeiten iintcr die oberste Leitung eincs mit der alten
Kunstweise innigst vertrauten Mannes gestellt werden, welcher denn
auch das Fehlende im Geijte des Vorhandenen zu ergänzen hätte.
Nach einem solchcn aber brauchen wir zum Glücke nichk rrst zu su-
chen: — der geniale Künstler*), welchec berufen ist, den Glanz dks
herrlichsten Bauwerkes der Erde durch seine Schöpsungen zu erhöhen,
wird eS gewiß nicht verschmähen, eine schützendc und pflegmde Hand
über die Werke der Vorqänqer z« halten, aus deren lauterem Borne
er dis Beseligung getrunken hat, die aus seinen Büdern nns enkge-
gen iveyt.

llebn- vergangenen und;ustünüigcn SnilÜyi in drn
preuüiül;en Nheinlanden.

Bvn Prisac.

Der Rhcinländer hat immer cine entschiedene Vorlicbe, ein beson-
deres Talcnl für die zeichnenden und bildenden Künste vecrakben. Ma-
lerei und schöne Vaukunst wurden von ihm in einem besondern Grade
gepfleqk und genährt, und wmn auch die übrigen dcr schönen Künste,
die Musik und Dichtkunst, keineswegS zuriickbiieben, so scheinen doch
die crstern untec seinen Händen einen Grad von Vollendung erceicht
zu haben, den man sonst wo im lleben deutschen Vakerlande verge-
benS suchcn möchte. UnauSspcechlich ist, was ailcin Köln in bieser Be-
ziehung Zeleistet, und die trefflichen Baudenkmale, wclche die Rhein-
provinz in sich bewahrt, füllm nicht bloß dec Zahl nach cinen großen
Theil ber schönen Reihe der deutschen Kunstleistunqen, sondern neh-
men auch ihrec Vollendung wegen den vbcrsten Platz cin. Welches
Wcrk deutscher Baukunst glcicht dem Dome ;u Köln? Zch denkc
nichr bloß an die ungeheucen Massen, an dcn großen Niesen swiewohl
auck dicser Punct ciner besondern Rücksicht verdient), sondern gft die
Trefflichkeit deS Planes, die hvhe Vollendung des Spitzbogenstyles,
welcke sich darin ausspricht. Dic Reinheit, die Schönheit dec Formen,
die Mannigfaltigkcic und das Geschmackoslle, wie es sich am Dsme
zu Köln zsigr, bietet keincs der übri'qen ausgezeichnetm Werke des
Spihboqmslyles, weder die Münstcrkirche in Straßburq, noch der
Dom in Freiburg, weder St. Scephan in Wi'en, weder die Äirchm
Englands noch FrankreichS; ja, die Dauart St. Peter'S in Rom muß
in vielen Puncten dcr des Domes von Köln nachsteben.

Wie dic Baukunst, so gewann auch die Malerei in dcn Rheinpro-
viiizcn, namentlich in Köln, mit dem Blühcn der Künste im Mittel-
alter vor dcn übrigen Ländcrn einen bedeutenden Vorsprung.

fliicht wenig scheinen aber auch gedachte Künste durch die kliMatischc
Beschaffmheit des rheinischen BodenS, durch sonsti'ge glückliche Ereig-
nisse begünstigt. Die Schönheit der Natur weckte den Siim für schöne

*) Siehe daS im „Domblatt" Rr. 12 allegirte Schreiben des köniql. Ober-
prasidenten der Rheinprovinz, nach welchcm der Maler Steinle aus
Zrankfurt mic der AuSinalnng der Gurtbogenftlder unkcr dem Laufgange
im Ehsre beauftragt ist.
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