Zentral-Dombauverein <Köln> [Editor]
Kölner Domblatt: amtliche Mittheilungen des Central-Dombau-Vereins — 1842 (Nr. 1-27)

Page: 76
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rKölner

Amkliche Mikktzeilungen tzes Cenkral-D-mbau-Bereins,

mit gefchichtlichen, artistifchen nnd literarifchen Veiträgen,

herausgegeben vom Vorstande.

Nr. 17._Köln, Sonntag, 16. Dctober_1842.

Das „Kölncr Domblart" crscheint jeden Sonntag als Gralis-Zuqabe zur ,, Kölnifchen Ieitung"/ wird außerdem sber auch besonders
ausgegeben und (jedoch erft Montazs) versandt. Der Pränumerations-Preis für die Einzel-Ausgabe, deren Reinertraz der Dombau-Vereins-Caffe zufließt,
beträgt bier bei dcr Erpedition der/.Kölnischen Zeitung" wie auswärts bei allen k. preuß- Postanstaltcn 10 Szr. für den Jahrgang; 5 Sgr. für das Halbjahr 1812.

Amtliche Mittheilungen

Der Verwaltungs-Ausschuß ist erfreut, i>as nachstchende ihm zuge-
gangene Schreiben veröffentlichen zu können:

„Einem wohllöblichen Verwaltungs-Ausschuffe übersendet die unter-
zcichnete Commandantur ganz ergebenst den Betrag von zehn Lhalern
in Cassenanweisungen, welche die Mannschaften des 1. combinirten
Reserve-Bataillons und des Oetaschemenls der 2. Jnfanteriebrigade als
Gratification für ihre thätige Hülfsleistung bei Tilgung der am 26.
Juli in dcr Stadt Graudenz Statt gehabten Feucrsbrunst erhalten
hatten und demnach dem kölner Dombau gewidmer haben.

„Graudenz, 28. Septembec 1842.

„Königliche Commandantur.

„v. Barfus, General-Major und Commandant."

lleber vergangenen und ?ukünt'tigen llauttyl in öen
preustitthen Rheinlanden.

Von Prisac.

(Schluß. Siehe Nr. 15 und 16 dieses Blattes)

Der byzantinifchc Baustyl kann, als unserm Klima fremd, nicht
süglich in den Rheinlanden seine Anwendung finden, um so weniger
aber als ein Muster aufgestellt werden, da cr als cine Entartung des
römischen keincswegs alS Norm eineS guten Geschmackes bezeichnet
werden dürfte. Dassclbe läßl sich fast vvn dem italienischen Baustyle
sagcn. Für unser Klima, für unsere Gegcnden, für unsere Armuth
scheint der Bausiyl der Peterskirche, dcc Slyl des Bramante, Michel
Angelo, Raphael, Giulio Romano, Palladio, Bernini, wenig gcschaf-
fen. Die Geschichte dicses Kirchenbaues, womit sich die ausgezeichnct-
sten Künstler, die nach Art der damaligen Zeit Maler, Bildhauer
Goldschmiede, Architckten und Jnqenieure waren, beschäftigten, hat be-
»iesen, wie mißlich es in dieser Weise dauen ist, sclbst dann, wenn
man Gelv und die trefflichsten Männw in Uebccfluß hat. Die vielen
Ausladungen, Vorspcünge und das Schwerfällige dec Maffen scheinen
besonders für unsere Gegenden sehc verdecblich. Ein traurigeS Beispiel
davon liefert die prachlvolle Jesuitenkirche !n Düsseldorf, dic, gegen
das Jahr 1619 erbaut, kaum 200 Jahre steht und nach außen das
Bild deS Jammers an sich trägt.

Für die Anwendung des Baustyles dürfen di- Natur des Bodens,
das Klima und die Mittel, welche uns zur Ausführung zu Gebote
stehen, nicht unbcrücksichtigt bleiben. Diese Dinge scheinen viclmehr
nedst dem Zwccke das Vorzüglichste zu sein, worauf man zu sehen
hat. Für diesen Fall aber würde uns bei Anwendung der bereits vor-
handenen kirchlichen Baustyle bloß dec Uebergangsstyl oder der vorgo-
thische bleiben. Denn so cigenthümlich auch der Spitzbogen- oder der
gothische Styl dem germanischen Lebcn enrsprungen sein mag, so sehr
er mit der Erhabenheit christlicher Jdem und Gottcsverchrung im
Einklange stehen mag, so scheink doch die Aeit dieses Baustyles ent-
weder vorüber oder eine abermalige Anwendung desselben noch fern *).
Die Ausführung eines Werkcs in diesem Style fordert Mittel, die

») Hübsch: Ja welchcm Style sollen wir bauen? S-ite 45. Moller's Denk-
mäler der deutschen Baukunst. Th. I. S. 5 und 17.

wir nicht mehr besitzen, trchnische Fertigkeiten, die vorläufig noch nicht
allgemein sind. AUe Bestandtheile eincs Werkes in diesem Baustyle,
Grundriß, Aufriß, Bedachung, Verzierung, sind so kostspielig, daß an
eine voriausige Anwendung dessclben eben so wenig zu denken ist, alS
an die Hecsiellung des Ritterkhums und der Hierarchie. Wir haben
diese Dinge mit den Expecimentcn der Staatsverfassungs-Fabricanten,
dcr Stockjobberei und dcc Weishcit der Oekonomisten vertauscht. Trotz
allcS Schwätzens über Nationalreichthum sind wir arm geworden au
Nationaldenkmalen, und verarmcn noch mit jedem Tage mehr und
mehr. AuS diesen und mehren Gründen wird man daher zu einem
kirchlichen Neubau selten mehr Cubikmasse verwsnden, alS man nöthig
har, den augendlicklichrn Bedarf zu befricdigen, und man kann sicher
darauf rechnen, man wird die Kirche eher zu klein, als zu groß bauen.
Eine Kirche im Spitzbogenstyl erfordert aber in Bezug auf den
Grundriß, dcn Aufriß, die Bedachung und Verzierung unendlich mehr
Auswand, als jede andere. Sie nimmt mehr Ausdehnung ein wegen
der Slreber, Capellcn und sonstigen Einrichtunqen, der Aufriß wird
mehc Höhe, das Dach m!t seincn Thürmen mehr Kostenaufwand er-
fordern, und nun endlich, wer schafft unS die Masse von Sculpturen,
welche dem Spitzbogenstyl so wesentlich si'nd? Wo nehmen wir die
Sieinmetzen, wo dic Kosten zu einem Gebäude her, das für jede Elle
Länge und Breite eine Rose, cin Kleeblatt, Baldachin, Krachstein auS
Figurcn vonnörhen hat? Jch bin daber dcr Meinung, der Dom zu
Köln sei nicht deßhalb unvollendet, weil er so groß ist, sondcrn weil
er so viele Sculpturen hat. Für einen künftigen kirchlichen Baustyl
bliebe uns daher entwcdcr die Anwendung dcs so genannten vorgothi-
schcn, Les Uedcrgangsstyles im 11. und 12. Jahrhundert, der auch
noch lange nach der Anwendung des reinen SpitzbogenstyleS Statt ge-
funden hat *) und st'ch an vielen der Kirchen in Rheinpreußen so
wundcrvoll gestaltete, oder w:c müßtcn sehen, ob es vielleicht möglich,
eincn andern biSher unbekannten auefindig zu machen und in Uebung
;u bringen. Was nun daS Ecste betrifft, nämlich die Anwendung des
Uebergangsstyles für die kircklichen Bautcn, so scheint mir dieselbt
nicht bloß möglich, sondern auch sür unsere Verhältnisse am angemes.
sensten; denn

1) hat sich diescr Styl rein aus dem Bedürfniffe, den klimatischen
und örtlichen Verhältniffcn entwickelt;

2) ist ec den Zwccken eines christlichenKirchengebäudes höchst angemessen,

3) eines hohen Grades von Schönheit fähig,

4) durch die Ausbildung der Steinconstruction die Brücke entwedcr
zur Wiedereinführung dcs Spitzbogcnstyles oder irgend eineS voll-
endelen neuen, der Zeit, den Bedürfnissen und Mitteln entspre-
chcnden.

Was nun den ersten Vorzug dieses Baustyles betrifft, so braucht'
man die Kirchen am Laacher-See, zu Andernach, zu Sknzig, Bonn,
St. Gereon, St. Apostcln zu Köln, die Kirchen zum heil. Quirin in
Neuß, zu Gerrisheim und Werden nur zu sehen, die Construclion
mil den Bedürfnisscn unsercs Klima und dem vorhandcnen Material
nur zu vergleichen, und man wird sich bald gestehen, daß die Art des
Styles durchaus keine frcmdc, sondern im hohcn Grade einheimische,
sei cs durch Ersindung oder Behandlung.

*) Ein Beispiel liefcrt die Kirche zu Werdeu, die gegen das Jahr 1266
bis 8V crrichtct wurde und nur er'nen gerlngen Anklang von dem bereitS
im Jahr 1248 an dem kölner Dome vollendet crscheinenden Spitzbogen-
styl verräth.
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