Zentral-Dombauverein <Köln> [Editor]
Kölner Domblatt: amtliche Mittheilungen des Central-Dombau-Vereins — 1842 (Nr. 1-27)

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gründete. So enkstand ein Baustyl, den wir mit dem Namen des by-
zantinischen bezeichnen können. Kcine Bezeichnung ist indeß mehr miß-
verstanden wordcn, als die deS Byzantinischen in dcr Geschichte der
Kunst. Alles, was man nicht versteht, muß byzanlinisch sein, >vie das,
was man nicht mehr habcn will, altsränkisch.

Unter byzantinischer Baukunst wurde wohl zunächst die zu verstehen
sein, welche entweder in Byzanz erfundcn oder dort vorzüqlich üblick.
Daß dicses der Begriff von Byzantinischem in dcr Kunst sei, liegt
außer allem Zweifel. Byzantinisch würde alss dcr Styl dec Sophien-
kirche in Konstantinopel sein und aller dcr Kirchen, welche nach ihrem
Modell angefertigt, oder damit in Bczuq auf ihre wesentlichen Bestand-
theile Aehnlichkeit hätten. Die vorzüglichsten Bestandtkeile eines Ge-
bäudes aber bilden der Grundriß, Ducchschnitt und der Aufriß; die
Bedachung und alles dieses ändcrt sich nach Verschiedenheit dcs Bau-
systemes, womik mchr oder weniger auch die Verzierungen im Ein-
klange stehen, ganz besonders da, wo die Baukunst daS bestimmteste
Gepräge des Klima und der Eigenthümlichkeit an sich trägt. Bclrach-
ten wir in Bezug auf diese Puncte die Sophienkirche in Konstanti-
nopel, so finden wir:

») Jn Bezug auf den Grundriß ein Quadrat, griechischcs Krcuz,
oder mit abqeschniltenen Ecken, ein Achteck.
d) Jn Bezuq auf den Aufriß und Durchschnitt Boqensprengunq.
o) Jn der Bedachung die hohe Wölbung, Kuppel (ryov-iox), die ein
byzantinischec Schrifksteller eine neue Bauarl nennl *).

<I) Jn der Veczierung schlccht verstandene Anwendung der vorhande-
nen Anliken, Ueberladung mil Gold und Edelstein.

Die byzantinische Baukunst halte daher gar nichts von der Struc-
tur der alkgriechischen beibehalten, sondern das Meistc von der römi-
schen anqenommen. Denn die altgriechischen Tempel baben ein läng-
liches Vicreck im Grundrisse, keine Bogen im Aufriffe, keine runde,
sondern eine stumpfwinkelige Bedachung. Sie bildete sich aus dem ver-
dorbenen römischen Geschmackc und fand in Jtalien vorzüglich dadurck
Veranlassung und Nahcung, daß man das von zerstörten römischen
Denkmalen noch vorhandene Material benutzte**). Merkwürdig für
die Entstchung der Sophienkirche in Konstantinopel ist daS, waS dcr
Anonymus dcr antiqliitatos e»u»t. (c»rp>is kistor. bHliiotia., >!d. IV.,
kol. XIX. e<t. Vonet.) erzählt. Man sieht daraus, wie man das Neue
auS Ueberresten drs Alten, die man von allen Seiten zusammengeschleppt,
zusammensetzte, und manchmal schr sinnlos.

Gegen die Mitte deS eilften Jahrhunderts cntwickelte sich mit dem
allmählichen Aufleben der Wissenschaften und des städtischcn Wescns
eine Arl von Baustyl, die immcr vorzüglich bleiben wird. Man hatte
um diese Aeit für die Baukunst eine allgemeine Vorliebe gcwonnen,
insbesondere in Oberitalien und Deutschland. Man baute Dome übec
Dome, Baptistericn, Glockenthürme. Keine der in Jtalien neu empor-
blühenden Republiken wollte nachstehen. Pisa begann mit einem treff-
lichen Dome, eincm schönen Baptisterium, einem prachtvollen Glocken-
thurm; ihm folgtc Florenz mit sci'nem wundervollen Dome. Das Cha-
rakteristische der um diese Aeit errickketen Kirchen bcstand darin, daß
sie im Grundrissc dic Form des länglichen ViereckS eder lakeinischen
Kreuzes dilderen, den Ausriß mit vielcn Säulengalerieen vcrzier.en,
Kuppeln licbken und runde Bvgenstellungen, di« wiederum mit Säu-
len nach den römischen Verhälknissen geschmückt wurden. Dic
Glockcnthürme wurden ni'cht als ein wesentlicher Bestandtheil dem
Kirchengebäude einverleibt, sondern ncbcnan errichtet, und bildeten für
flch cin selbstständiges Ganzes.

Jn einer eigenthümlichen Weise bildetr sich dicscr Styl in Dcutsch-
land und namentlich in Rheinpreußen. Die Bauten des hcil. ülnno
von Köln, dcS heil. Bcnno von Trier sallen in diese Acit. Sie sino
im Ganzcn magercr, als die italicnischen, und von diesen dadurch un-
terschieden, daß sie nicht bloß die Glockenthürmc mit den Kirchen als
Ein Ganzes in Berbindung brachten, sondcrn die Thürme als Aiera-
then ansahcn und vervielfältigten, späterhin auch die Decken über-
wölbten. Ein Theil von St. Gereon, Sr. Gcorg, Maria im Capitol
in Köln fallen in diese Aeit. Dieser Styl crhiclt sich übec 200 Jahre
und gewann immer mehr Ausbildung und Vollendung.

Die schönstcn Exemplare haben wir an den Kirchen zu Laach, zu
Andernach, dcr Castorkirche in Coblenz. Alle diese Kirchen bildcn cin

Scriptorum rerum dvrsnliosrom. 'kom. XXI. 8. 5(3 eck. Veoet.

ö- o'»kl>irkHi--v» opötox loroztkvox erzählt der Anonymus von der
Kuppel (ryov(os) der Sophienkirche i'n Konstantinopel, was der latei-
nische Ueberfetzer folgender Maßen wiederglbt: Lrst sutem UI» iozo-
leoti et oov» ksdricse xeoeriz sudlimis eoosislenz. Uebcr das
Wcscn der Bauart der Sophienkirche in Konstantinopel sehe man: kro-
copius lid. I, csp. I. soonxmi cuzustlsm »nligsilstes constsnt.
lidr. IV., in dcr collect der svript. rer. bz-Lsot., ?ol. XIX. und
XX. der venetianer Ausgabe. Ferner psulus 8eIIitisrus in seinem he-
roischen Gedichte kxwpaoix, in der Erklärung desselben bei 0o ksnge,
Lollious iocertus soclor comdik csous. t'oäinus ist jedoch nur
mit Vorstcht zu gebrauchen, da cr gegcn die ausdrüekliche Meinunz des
'rkeopdsnes, lleärenus, Uzcss, ksulus visconos be-
hauptct, Konstantin sei nicht der Erbauer der alten Sophienkirche, son-
dern habe sic nur aus einer heidnischen in eine christlichc verwandelt.

**) Moller's Denkmälcr altdcutscher Baukunst. I. S. S. Bergl. den Anony-
mus in der Sammlung der script. rerom bzrsot. ell. Venet. kol XIX.

längliches Viercck zwischen Osten und Westen und haben Thürme
in Kreuzform nach allen Welkgegenden. Die Kirche am Laacher-See
hat deren jedoch sechs. Das Eigenthümliche dieser Thürme besteht dar-
in, daß fle eine nach Vcrhältniß ihres Maucrwcrkes sehc abgeflachte
Spitze oder Bedachung habcn, die qewöhnlich mit Blci, zuweilen
auch mit Kupser gedeckt ist. Diese Bedachung unterscheidet sich we.
sentlich von einer elwas spätern Bauperiode, wo sich die Thürme in
mehr freien und schlanken Spitzen von Holz ccheben. Dcr Hauptein-
gang befindct sich im Westen, und ihm gegenüber im Osten ver Chor
entweder im Halbkreise oder fünfeckig. Die Kirche am Laacher-See hal
jedoch, wie viele andcre, eine Abweichung in diesem Puncke und nach
beidcn Richkungen, sowohl nach Osten als nach Westen, Chöre. A»
einen liturgischen Aweck bei dieser Einrichtung ist nicht wohl zu den-
ken. Vielleicht beruhl diesclbe auf einer Vorstellung von Symmetrie
des Grundrisses. Bei der Kirche zu Laach macht der doppelte Chor
einen gan; vorzüglichen Eindruck.

Mit der Aeit vereinfachte sich dieser, gewiß kostspielige Baustyl, und
gegen Anfang des dreizehnten Jahrhunderts entstand ein Banstyl, der
bereits wesentliche Uebergangspuncte von dem Rundbogen zum Spitz-
bogcn, dem so genannten gokhischen Style, verrieth. Der Grundriß
dieser Kicchen bildete, wie in dcn vorgehcnden, ein längliches Viereck,
entweder ein einfaches over doppeltes lateinisches Kreuz. Gegen Weste»
war der Haupteingang aber nicht mehr mit zwei Thürmen, sondera
mit Einem odcc gar keinem. Die Faeade ist zuweilen höchst ein-
fach gehalten und bildet in Verhältniß zu dem drei- bis fünffa-
chcn Schiff im Jnnern drei Fclder nach außen; an den Bogen ist
schon dec Spitzbogcn bemerkbar, doch nicht rein vorherrschend, sondcrn
bald Rundbogen, bald Spitzboqen. Das Portal qeqen Westen ist qe-
wöhnlich im Runddogenstyl und auf seine Verzicrung großcr Fleiß
vcrwcndet. Jm Jnnern echeben sich dcreitS schlankc Säülenbunde, ein
gewaltiges Schiff in dcr Milte und rechtS und links ein kleineres.
Ueber den beiden kleineren Schiffen sinoen sich Galerieen, und nach
drei Kreuzgcwölbcn über dcm Hauptschiffe kommt eine Kuppel, nach
dieser wieder ein Kreuzgewölbc, das sick auf die Concha lehnt. Ueber
der Kuppel besindel sich der Thurm. Nicht überall haben Kirchen die-
ser Art Kuppeln. Abec auch da, wo die Kuppel fehlt, steht dcnnoch
der Thurm in der Mltke des Kreuzes; ein Beispiel davon ist di«
Kirche zu Gerrisheim. Etwas Eigenthümliches und Fcierliches habeir
mehre Kirchen dieser Art durch die Anordnung von Krypten und dem
deßhalb um mehre Siufen erhöhelen Chore. Kryplen an Kirchen stnd
schon fcüh da gewesen und kommen schon im 9. Jahrh. vor. Sie scheine»
Anfangs zu Begräbnißstätten vorzüglicher Männer bestimmt gewesen
zu sein oder zur Aufdewahrunq der Reliquicn der Heiligen gedient zu
haben. Sie wurden deßhald auch qanz besondere Stellen der Andacht
und Verehrunq. Hier in feierlicher Skille, an dem Grabe ei'nes hcili-
gen Mannes, suchte man Zuflucht in seinen Nöthen; nicht bloß ganze
Tage, sondern auch Nächle brachte man hjer in Gebeten zu *). Die
Einrichlung von Kryptcn hatte die Erhöhung des Chores zur noth-
wendigen Folge. Daburch gewann abcr dieser nicht bloß an Würde, son-
dern auch die qanze Kirche an Erhabenheit. Der Chor konnte auf diese
Weise offen bleiben und bcauchte nicht, wie bei einer spätern Einrich-
tung, besonders abgesperrt zu werden. Der Priester stand an erhabener
Stelle, zwar frei vor den Blicken dcs Vvlkcs, aber erhöht verrichtete
er die heilige Handlung.

Wir haben oben den Einfluß von Jtalien auf Deutschland berührt,
wir würden uns indeffen täuschen, wenn wir glauben wollten, der
Deutsche hätte hier in Bezug auf die Baukunst erst in die Lehre
gehen müssen. Die Bauken Jtaliens aus dem 11. und 12. Jabrhnn-
dert haben die Reinheit und Schönheit dcs Slyles nichk, welchc sich
an den rhcinischen Kirchen zeigt. Viele der erstecn sind noch eine Zu-
sammensetzung vorhandener alter Fragmente, andere sogar von Deut-
schen crbaut. Die Kirchen zu Florenz, Pisa, Assifl, Orviets und Mai-
land wurden eniweder unter Anfsichr oder mit Hülfe deutscher Meister
gebaut. Ums Jahr 1174machte die Baukunst in Jtalien durch eine»
deutschen Meister, Namens Wilhelm von Köln, nach dem Urkheile
Vasari's, große Fortschritte. Meistec Jacob, dec sich bei dem Bau der
Kirche des heiligen Franz von Assist eincn bedeutenden Ruf erworben,
ging nach Flsren; und erbaute im Jahr 1221 unter dem Namen
Lapo die Kirche von S. Salvator; auch sein Sohn Arnolfo vervoll-
kommnete die Baukunst. Der Dom zu Mailand, dieses Wunderwerk
seiner Zrit, ward von italienischen Architckten angelegt, aber ste gestan-
den ihr Unvermögen, die ungeheuren Gewölbe zu schließen, und dcr
Herzog Galeazzo Maria Sfor;a Bisconti fand sich genöthigt, den Ma-
gistrak der Stadt Straßburg um einige geschickte Männer zu bitten.
Äasari versichcrt, daß diesc dcutschen Meister sich in ganz Jtalien ver-
bceitet hälten und daß Nicola Pisano gemeinschaftlich mit ihnen zu
Orvieko gearbeitet.

(Forts. folgt.)

*) Alfred, im Leben des h. Sudzer.

Verantwortlicher Herausgeber: Jos. DuMont.

Druck und Eommissions-Verlag des Verlegers der Kölnischen Zeitung,
M. DuMont-Schauberg.
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