Koldewey, Robert; Puchstein, Otto
Die griechischen Tempel in Unteritalien und Sicilien: Text — Berlin, 1899

Seite: 50
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RHEGION

Sollte die altdorische Architektur von Pompeji wirklich
auf das chalkidische Kyme zurückzuführen sein, so müsste
im Anschluss daran auch die zweite chalkidische Colonie
in Unteritalien, Rhegion, erwähnt werden. "Wir recapitulieren
daher kurz, was es an interessanteren Resten griechischer
Tempelarclhtektur geliefert hat.

Auf einen archaischen Tempel hat man aus einem in
der Via Aschenez zu Reggio gefundenen Depot von Votiv- und von
anderen Terracotten geschlossen, worüber kurz und zusammen-
fassend Barnabei in den Notizie degli scavi 188G, 242 berichtet.
Die architektonischen Terracotten dieses Fundes, die wir in dem
Museum von Reggio zu Gesicht bekommen haben, bestehen aufser
figürlichen Stirnziegeln in einigen Stücken von grofsen und von
kleineren rundlichen, bunt bemalten Firstziegeln mit dreifachem
Wulst an der Fuge, ferner in zwei Bruchstücken einer Rosette
von einem Simaausguss wie die an dem Geloer Schatzhans in
Olympia (andere Simenreste waren nicht vorhanden), endlich
in dem Fragment eines sog. Kastenstückes, das an der Kante
mit drei Rundstäben verziert und auf den beiden Flächen da-
neben mit einem Flechtband verziert war. Auffallend und
interessant ist unter diesen Funden auch ein archaisches ohne
die Köpfe der Figuren fast meterhohes Terracottarelief mit
zwei weiblichen Figuren eines Reigentanzes (abgeb. a. a. 0.
243, die Relieferhebung beträgt 0.10); durch den Reliefrand zu
Füfsen der Figuren gehen zwei Löcher für die Befestigung.
Die Form der Platte und der Gegenstand lassen wohl einen
Fries vermuten. Wegen einiger alexandrinischer Fundstücke

hat man in Reggio bei diesem Depot an einen Tempel der
Isis und des Serapis gedacht; ein solcher ist nach dem Epistyl
CIL X 1 vorhanden gewesen, aber dies hat man einst aus
einer 270 m (istlich entfernt gelegenen Bastion gezogen.

Nicht weit vom Strande, also, wie man meint, aufserhalb
der alten Stadt, sind zufällig ein Paar (jetzt wieder verschüt-
tete) Trommeln einer grofsen uncannelierten und stark verjüngten
Säule zu tage gekommen [Not. 188G, 63), 10 m davon entfernt
ein 42 m langes von N. nach S. streichendes Mauerstück aus
Tuffquadern (1.30 : 0.G0 : 0.G0), das mit fünf je 0.60 breiten und
hohen Stufen versehen ist und von Orsi Not. 1890, 267 kurz
als die Stufen und der Stylobat eines Tempels, nach der localen
Ansicht des aufserhalb der Stadt befindlichen Heiligtums der
Artemis (Thuc. VI 44, fyaxilxuc, Prob. Verg. ecl. p. 3 Keil vgl.
Preller-Robert, Griech. Myth. I 309) beschrieben wird. Orsi
erwähnt nicht, dass 300 m südlich hiervon an der FJcke der
Sirada Marina und der Sirada Palamolla ein anderes 43 m
langes in derselben Richtung und auf dem gleichen Niveau
verlaufendes Mauerstück entdeckt Avorden war, das auch aus
Tuffquadern von 1.30:0.60:0.60 besteht und auch fünf Absätze
hat {Not. 1889, 197 vgl. aufserdem 1892, 486); man hatte dies
für die Stützmauer des Peribolos des Artemistempels ausge-
geben und der Tempel selbst soll 100 m davon dicht bei dem
Hotel Victoria gestanden haben. Vielleicht handelt es sich um
Reste der massiven, 3 m dicken Stadtmauer von Rhegion. Im
November 1893 war alles einmal aufgedeckte wieder unsichtbar.
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