Kunstnachrichten — 3.1913-1914

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der Vase ewiges Leben gefunden haben. Ich
rede auch nicht davon, daß man ein Gesamtbild
der Zeit haben muß, in der ein Giotto oder ein
Watteau gemalt haben, weil Bilder Bekenntnisse
sind, nicht nur Linie und Farbe, und jede Ein-
zelheit tief im Gesamtbekenntnis eines Zeitalters
verankert ist. Ich beschränke mich auf rein
praktische Ratschläge.

1. Man soll nie ohne einen Katalog ein
Museum durchwandern. Instinkte und guter Ge-
schmack können unmöglich die Personalien eines
Bildes ermitteln. Bei jedem Bild frage man sich:
wie alt war der Mann, der dies malte, was lag
vorher, was nachher? Hat man das Jahr an-
nähernd gefunden, so sättige man es mit allem,
was man sonst von dem Jahr weiß. Das führt
nicht ab, sondern regt zu weiteren Fragen an.
Michelangelos letzte Arbeit entstand in dem Jahr,
als Shakespeare geboren wurde; Goyas letztes
Bild, als Beethoven starb. Als Bach starb, wurde
Goethe geboren; wie malte man 1749 in Deutsch-
land, in Frankreich, in Venedig? Als Giotto die
Arenafresken in Padua malte, war Dante auch in
Padua; er arbeitete damals am Inferno. Haben
beide Männer den gleichen Stil? Shakespeare
stirbt, als Rembrandt gerade das blonde Köpfchen
•hebt; ist er der Erbe? Alle Quattrocentisten in
Florenz laufen ein ideales Rennen mit den gleich-
zeitigen Altniederländem; 1476 kam es durch
Hugo van der Goes zum Entscheidungskampf,
in dem die Niederländer siegten. Was konnten
die Florentiener nicht, was konnten die Vlamen
nicht? Nicht weniger reizvoll ist die Parallele
Florenz-Venedig im 15., Venedig-Rom im 16. Jahr-
hundert. 1661 entstehen Rembrandts Staal-
meesters — wie malte man gleichzeitig in Ant-
werpen, Paris, Madrid, Rom?

2. Sehr wichtig ist die Provenienz. Ob
ein Trecentobild auf dem Altar einer Dorfkirche

Museen und öffentliche Sammlungen.

Neues aus dem Berliner Kunstgewerbemuseum.

Generaldirektor Dr. Bode hat den Sammlungen
des Berliner Kunstgewerbemuseums ein schönes
Geschenk überwiesen. Es sind ein paar große
Altarkandelaber aus Fayence, italienische Werke
des 16. Jahrhunderts. Sanitätsrat Dr. Dosquet
stiftete für das Museum ein Erzeugnis der Ber-
liner Porzellanmanufaktur aus der Zeit um 1780,
einen Dessertteller aus dem Ovid-Service; Har-
tog Stibbe schenkte einen Berliner Porzellan-
teller mit mythologischer Malerei von Lefaure
aus dem Jahre 1860. Major a. D. Viktor Kurs
hat dem Museum eine Sammlung von Fein-
eisengüssen aus der ersten Hälfte des ig. Jahr-
hunderts vermacht, die jetzt in die Sammlungen

stand, zu dem Sonntags der Bauer verzweifelt
stürzte, dem seine Ernte verhagelt war, oder der
Hausaltar einer Patricierin in Florenz war, die
morgens einen Kuß auf die Tafel drückte, um
so für das Wohl ihrer Kinder zu beten, ist doch
ein tüchtiger Unterschied! Bilder für Mönchs-
und Nonnenklöster müssen anders aussehen als
die für eine Rathauskapelle oder für die Familien-
kapelle der Strozzi und Gianfigliazzi. Dort segnet
die Madonna die Keuschen, hier den Ritter und
den Schoß der Ahnfrau. Dort soll das Leben
gedämpft, hier befeuert werden. Früher, als die
Bilder noch auf ihrem richtigen Platz standen,
verrieten sie eben durch ihre Aufstellung den be-
sonderen Charakter. Heute sind sie in der
Kaserne und Uniform; da müssen wir ihnen ihren
alten Sockel wieder verschaffen und die Umge-
bung zurückdenken, in der sie einst lebten. Es
gibt sogenannte Prozessionsaltarbilder, z. B. Botti-
cellis Tondo im Berliner Saal. Auf dies, einst in San
Francesco al monte in Florenz stehende Bild strömte
die Prozession los, die die vielen Stufen von der
porta Romana aus heraufschritt; und nun grüßte
das Bild die Pilger und die Madonna hielt mitten
in den Chören und Gesängen den Heranwallenden
das Kind hin. Auch Donatellos Bronze-Madonna
in Padua ist solch eine Prozessionsmadonna; die
heilige Frau erhebt sich eben, um ihren Sohn
den Scharen zu zeigen, die von den Bergen
herabgekommen sind, um im „Santo" anzubeten.
Oder die venezianischen Kapellen bilder, die
Prospektbilder sind, am Ende eines Ganges standen
und die geschlossene Wand in eine (gemalte) Kapelle
öffneten. Auf Truhenbilder muß man herunter-
sehen, soll ihre Perspektive richtig wirken. Endlich
gibt es viele Pendantbilder, von denen nur ein
Stück erhalten ist — welche Lust, das zweite aus-
zudenken! Zu all dem hilft die Provenienz.

(Schluß in nächster Nummer.)

eingereiht wurde. Sie enthält Neujahrsplaketten,
Medaillen, Schmucksachen und Kleingerät. Auch
die Bibliothek des Kunstgewerbemuseums machte
eine interessante Erwerbung. Sie kaufte den
Traktat von der Architektur, den fünf Säulen-
ordnungen und ihren Anwendungen, den Jean
Arnaud Villers verfaßt hat. Es ist ein Manu-
skript mit lavierten Tuschzeichnungen, das ums
Jahr 1660 entstand. Die Handschrift trägt eine
Widmung des Großen Kurfürsten.

Eröffnung der neuen städtischen Kunsthalle
in Nürnberg. Wie aus Nürnberg gemeldet wird,
ist dort am Sonntag im Beisein der Spitzen der
Behörden die von Dr. Oskar Ritter v. Petri
gestiftete neue städtische Kunsthalle am Marien-
tor feierlich eröffnet worden. Die Weiherede
hielt Oberbürgermeister v. Schuh.
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