Kunstnachrichten — 3.1913-1914

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KUNSTNACHRICHTEN

BEIBLATT DER KUNSTWELT

Redaktion und Expedition:
BERLIN W. 62 - Maaßenstraße 30
Anzeigen«VerwaItung: Kunstwelt«
Verlagsgesellschaft m. b. H., BerlinW. 62

III. JAHRG. No. 10_15. Februar 1914

Die Kunstnachrichten sind ständiges Nachrichtenorgan für folgende KUNST- UND KUNSTGEWERBE-VEREINE Deutschlands, Oesterreichs,
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Für deutsche Kunst!

In einem Vortrag, den er vor der Berliner
Freien Studentenschaft gehalten, hatLovis
Corinth herrliche und mannhafte Worte an die
deutsche Jugend gerichtet, die zum energischen
Eintreten und Kämpfen für unsere Kunst auf-
forderten und sich gegen die lächerliche Nachah-
merei der ausländischen Erfindungen „neuer
Richtungen" mit ehrlichen, geharnischten Worten
wandten. Wir freuen uns, daß eine Persönlich-
keit wie Corinth vor den Vertretern der jungen
Generation laut und deutlich seine Warnungs-
stimme erhoben hat, daß er die schändlichen
Narreteien der Allerneuesten gebührend kenn-
zeichnete und so endlich einmal, gewissermaßen
im stillen Auftrage aller ernsthaften deutschen
Künstler, als ein Berufener das rechte Wort zur
höchsten Zeit sprach. Diese Worte müssen überall,
wo noch ein gesundes Kunstempfinden anzu-
treffen ist, den größten Widerhall finden, und
deshalb seien die markantesten Ausführungen
Corinths hier wiedergegeben:

„Sehen wir einmal, wieviel vorübergehende Moden
im Verhältnis einer kurzen Spanne Zeit von Paris
ausgegangen, dann beinahe wieder vergessen und
begraben sind. Als ich vor mehreren Jahrzehnten
nach Berlin kam, war gerade der Naturalismus
in der Mode. Ein Kunstsalon, der immer Pariser
Vorbildern huldigte und doch immer hinter Paris
nachhinkte, machte deshalb eine Ausstellung der
„Naturalisten". Dann kamen die Symbolisten
daran, bald darauf der Japanismus, und alle
wurden vereinigt in dem Impressionismus. Von
dem Impressionismus gingen nun die Abstufungen
weiter, und die Richtungen nannten sich Neo-

impressionismus, Expressionismus und schließlich
jetzt Futurismus und Kubismus. Ich hätte nichts
einzuwenden, wenn ein Deutscher in seinem
künstlerischen Drang und Streben nach Vervoll-
kommnung irgendeine Methode — gleichgültig,
ob gut oder schlecht — von diesen vielgenannten
Arten selbst gefunden hätte. Dem aber ist nicht
so, denn bis auf den Futurismus, der ein totge-
borenes italienisches Erzeugnis ist, sind die Er-
reger immer Franzosen gewesen. Natürlich bin
ich ein großer Bewunderer französischer Kunst.
Deshalb braucht man aber nicht blindlings und
urteilslos nachzuahmen, was von Frankreich ge-
boten wird.

Wie ist es nur möglich, daß unsere Stadt
Berlin, vor etwa 50 Jahren noch ein Botokuden-
dorf in bezug auf bildende Kunst, vor 100 Jahren
und darüber, namentlich in der Zeit der poli-
tischen Schmach Preußens, den glänzendsten
Dichter und die besten Maler besaß. Vor 100
Jahren dichtete Heinrich Kleist aus Frankfurt a. O.
gegen Napoleon die „Hermannsschlacht". Von
Künstlern lebte in Berlin der geniale Schadow,
Krüger, der junge Menzel, der große Landschafts-
maler Karl Blechen aus Kottbus. Ich hebe mit
Absicht diese kleinen märkischen Städte hervor
als Heimat dieser größten Preußen. Wenn Sie
sich im damaligen Deutschland umsehen, waren
die anderen Hauptstädte, selbst München, in
künstlerischer Beziehung hinter Berlin weit zurück.
Vielleicht noch Wien hatte den größeren Reich-
tum an Musikern. Die Früchte jener großen Zeit
können wir als späte Nachkommen noch als
Sehenswürdigkeit Berlins bewundern.
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