Kunstnachrichten — 3.1913-1914

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wir im 17. Jahrhundert nicht zu betrachten.
Für Murillo, Rubens und Rembrandt ist aber im
Vergleich zu den Italienern und Deutschen des

16. Jahrhunderts charakteristisch, daß der Aus-
druck der Andacht bei ihnen einen völlig neuen
Anblick gewährt, daß die höchsten Formen
religiösen Lebens erst bei den Meistern des

17. Jahrhunderts gestaltet werden, als feierlich
pathetische, die visionäre, die mystische Andacht.
Es ist denkwürdig, daß solcher Gang der Ent-
wicklung möglich war, nachdem die Darstellung
des Gebetes in ungezählten Kunstwerken durch
Jahrhunderte gedauert hatte. Dies ist erklärlich
durch die allgemeinen Gesinnungen des 17. Jahr-
hunderts und dadurch, daß Reformation und
Gegenreformation neue Ideen darboten.

Die bewegtere Erregung gehört an sich dem
17. Jahrhundert. Bei Rubens hat man das
Große, Feierliche als seiner Zeit und, wie schon
früher erwähnt, als seiner Persönlichkeit gemäß
zu betrachten, aber er stellt diese hohen Gefühle
in den Dienst der Gegenreformation, wenn er
durch sie Loyola ehrt, den eigentlichen Sieger
der katholischen Wiedergeburt. Für Murillo
kommen andere Gesichtspunkte in Betracht. Im
Gegensatz zur protestantischen Bewegung ergreift
der Katholizismus leidenschaftlicher denn je vor-
her die alten Stoffe Die Heiligen werden ge-
feiert in ihren nahen Beziehungen zum Himmel
und in ihrem willigen Märtyrertum, ■ das Geheim-
nis der Marienverehrung erscheint hoch verklärt.

Brüsseler Kunstbrief.

Brüssel, im Dezember 1913.
Die Kunstfreunde Brüssels sind traurig erregt.
Sie gingen, um im „Musee moderne" die Preis-
arbeiten der jungen Akademiker zu begucken,
und sie nahmen mit einiger Befremdung wahr,
daß die Zwanzigjährigen malten, wie es sich
vor vierzig Jahren die alten Herren erlaubten.
Diese greisenhaft geborenen Jünglinge haben
noch zu einer Zeit studiert, da Victor Horta
nicht die Brüsseler Akademie leitete. Horta,
der kühne Architekt, der vielbefeindete Deko-
rateur, der in Deutschland nicht so bekannt
wurde wie sein Gesinnungsfreund Van de
Velde, ist jetzt nach heftigen Intriguen und
Kämpfen Direktor der Brüsseler Akademie
geworden. Das bedeutet natürlich eine Sehn-
sucht nach stärkeren Individualitäten, den Willen,
die Tradition abzuschwören zu Gunsten des
freien Talentes. Vorläufig lebt nur die Sehn-
sucht und noch fehlt die Erfüllung. Nicht in
der großen Kunst, sondern in der kleinen, im
Croquis und der Karrikatur, haben die Aus-
stellungen in dieser Zeit das Beste gebracht.

Die gleiche Richtung findet man in Italien wiel
in Spanien. Nur in Spanien jedoch entsteht
individuelle, tiefgefühlte Schönheit, die aber nicht
streng national, nicht spanisch gebunden bleibt.
Einige der edelsten Träume Murillos gelten italieni-
schen Heiligen. Er schenkt Italien aufs neue
die dort einheimischen Auserwählten. Die dunklen
Augen des hl. Franziskus und des hl. Antonius,
die so liebeglühend und träumerisch phantastisch
aus der Kirch engeschichte Italiens herausschauen,
nun blicken sie für Jahrhunderte aus den Bildern
des Spaniers.

Der Protestantismus dagegen, indem seiner
Kunst alle Überlieferung, die Heiligen und die
dogmatische Maria entschwinden, wendet sich mit
neuer Erkenntniskraft zur biblischen Erzählung
und der holländische Calvinismus mehr noch
ajs die lutherische Gesinnung. Die. Geschichte
des jüdischen Volkes und sein Leben mit Gott
wird allen vertraut, und die tiefe Andacht des
Einzelnen und der Familie bekleidet sich in der
Kunst alttestamentlich. Öffnete im lichten Süden
„der Himmel seine goldenen Tore", so wird nun
im dämmerigen Norden das mystische Erleben
der Gottsucher farbenfrohe Schönheit. Inwieweit
aber der eigentliche Vertreter dieser Gesinnung
in der Kunst, Rembrandt, mit der verbreiteten
calvinistischen Mystik seiner Zeit Berührung hatte,
inwieweit seine Mystik persönlich war, darüber
ist Sicheres nicht bekannt.

Die belgischen Karrikaturisten haben sich zum
erstenmale im Saal „Studio" gefunden. Es sind
unter ihnen nicht sehr leidenschaftliche Tempera-
mente, sondern solche, die sich etwas zu sanft da-
vor hüten, energische Satire zu zeichnen. Sie sind
niedergehalten durch einen Hang zur Artigkeit, dem
ihre guten Kunden huldigen. Ihre Zeichnungen
sind eher liebenswürdig als verbitternd. Der
schärfste unter den jungen Karrikaturisten ist
Konstantin van Offel, dem die dicken Bürger
seiner Stadt, die Vielschmauser, die Kenner des
Burgunderweins und deren grimmigste Feinde,
die armen Straßenvagabunden, auffallen. Van
Offel hat in seiner Kunst vielerlei soziale Ab-
sichten. Sehr geschickt, aber versöhnlicher ge-
stimmt sind x\ndre Blandin und E. M. Caneel.
Sie zeichnen Theaterinterieurs, Kulissenbuntheit
und sind die fleißigsten Illustratoren des nicht
immer sehr lustigen Brüsseler Witzblattes „Pour-
quois pas?"

Brüssel und ganz Belgien sind immer das
Land der Bibelots und der antiquarischen
Neigungen gewesen. Es wird sehr viel gesammelt,
und die Mappenwerke mit alter Kunst sind sehr
beliebt. Diesem Geschmack folgt auch das Brüsse-
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