Lübke, Wilhelm
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart — Leipzig, 1865

Page: 747
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Viertes Kapitel. Die Baukunst im neunzehnten Jahrhundert. 747

zuerst wieder mit dem reinen, keuschen Hauch antik-hellenischer Werke; er
lehrte sie, die nach bacchantischem Taumeln erschöpft einherschwankte, den
elastischen, edel gemessenen Schritt griechischer Schönheit. Seine Säulenhalle
des (alten) Berliner Museums, sammt dem herrlichen Kuppelsaale, seine in
dorischem Styl errichtete Hauptwache, sein genial concipirtes Schauspiel-
haus zu Berlin, endlich aber in grossartigster und vollendetster Weise die
leider unausgeführt gebliebenen Pläne zum Schloss Orianda in der Klimm
sind köstliche Zeugnisse von der Frische und dem feinen Geiste, mit welchem
er die Antike wiederzugeben, von der hohen schöpferischen Freiheit, mit der
er die griechische Formenwelt für die verschiedensten Bedürfnisse des modernen
Lebens zu verwenden wusste. Aber auch in kleineren Anlagen, wie dem rei-
zenden Landhaus Charlottenhof bei Sanssouci, wusste er dieselben reinen
Töne anzuschlagen und eine Stimmung hervorzurufen, wie sie in den ländlichen
Villen der Alten geherrscht haben mag. Wie reich der Ideenkreis des Meisters
war, wie selbständig er die verschiedenartigsten Aufgaben von der niedrigsten
bis zur höchsten zu lösen wusste, beweist die Menge seiner Entwürfe, die nur
zum Tlieil ausgeführt wurden. So entschieden war er jedoch von der Ansicht
durchdrungen, welche die Antike als die Basis für die Neugestaltung der Archi-
tektur betrachtete, dass er selbst die gothischen Formen in verwandtem Sinne
umzugestalten suchte, ein Versuch, der an dem diametral entgegengesetzten
Charakter dieses Styles scheitern musste. In eigenthiimlich neuer und be-
deutsamer Weise zeichnete er dagegen in seiner Bauakademie der Architektur
neue Bahnen vor, indem er von einer bewundernswürdigen Ausbildung des für
unseren Norden entsprechendsten Materials, des Backsteins, ausging, dem
auch das System der Construction in consequenter Weise sich anschloss. Bei
seinen Kirchen bauten war der Meister in der Kegel durch die engen Schranken,
welche der evangelische Kultus und die Vorschriften äusserster Sparsamkeit
zogen, an Entfaltung bedeutender Raum- oder Massenwirkungen gehindert,
obwohl auch hier die Feinheit des Sinnes und die edle Würde der Gesammt-
haltung nicht zu verkennen sind. Dabei bewegen sich diese kleineren Bauten
theils in streng griechischem Formenkreise, theils nehmen sie den Rundbogen,
in einzelnen vorgeschriebenen Fällen, wie bei der Werderschen Kirche zu
Berlin selbst den Spitzbogen auf. Die Nikolaikirche zu Potsdam, ein Central-
bau mit einer der schönsten Kuppeln der neueren Zeit, in klassischem Adel
durchgeführt, erhebt sich allein zu höherer monumentaler Bedeutung.

So wenig nun auch die griechischen Formen für die Bedürfnisse unserer
Zeit ausreichen, eine so unvergängliche Errungenschaft ist darum doch ihre1
durch Schinkel vollzogene Wiedereinführung in’s Leben. Nur an einem so
streng und einfach organischen Styl vermochte die Architekur endlich wieder
zum Gefühl des Organischen, zur Uebereinstimmung von Inhalt und Form,
zur klaren, zweckentsprechenden Gestaltung des Details und der Gliederungen
zu gelangen. Diese ernste Schule war unerlässlich und hätte durch keine andere
ersetzt werden können.

Neben Schinkel hat kein anderer deutscher Meister so ausdauernd an den
Grundsätzen der Antike festgehalten, wie Leo von Klenze (1784-—1864), dem
der grösste Theil der durch König Ludwig hervorgerüfenen Prachtbauten in
München seine Entstehung verdankt. An originellem Geist, an Adel und
Reinheit der Formen weit hinter Schinkel zurücktretend, verdient Klenze gleich-
wohl wegen der unbeirrten Strenge, mit welcher er seinen künstlerischen Grund-
sätzen durch ein langes Leben treu geblieben ist, Achtung. Auch lässt sich

Werth <16r
jrieohisehe
Formen.

Leo von
Klenze.
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