Lübke, Wilhelm
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart — Leipzig, 1865

Page: 748
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Sechstes Buch.

(Htm ei.

Semper.

nicht verkennen, dass er unter dem Einfluss der Sehinkel’schen Werke stetig
nach höherer Läuterung des Styles gestrebt hat. Die Glyptothek, (1816—
1830), aussen in nicht glücklich aufgefasstem ionischen Styl, innen mit römi-
schen Formen und Gewölbconstruktionen durch geführt5-, gehört trotz mancher
Mängel zu seinen tüchtigsten Leistungen. Reinere Classizität spricht sich in
der Walhalla bei Rege nsburg aus (seit 1330), die nach aussen als dorischer
Peripteros behandelt ist und im Innern einen schönen durch Oberlicht beleuch-
teten Saal mit interessant ausgebildeter Eisenconstruktion enthält. Schinkel’s
Einfluss gibt sich in besonderer Lauterkeit an der Ruhmeshall e zu München
mit ihren edlen dorischen Colonnaden zu erkennen. Die griechische Formen-
welt tritt dann noch einmal in strenger Reinheit an den Propyläen auf, die
iudess in der Gesammtanlage minder glücklich sind. Der römische Kuppelbau
fand eine grossartige Verwendung bei der imposanten Befreiungshalle zu Kel-
heim. Für Palastanlagen griff Kienze mit richtigem Takt zur Renaissance,
nur fehlt bei bedeutenden Dimensionen und bei gutem Formverstäudniss auch
hier die geniale Freiheit eines schöpferischen Geistes. Die Pinakothek, der
nach dem Muster des Pal. Pitti aufgeführte neue Königsbau und der unge-
heure in palladianischen Formen behandelte Saalbau mit seiner vornehmen
doppelten Loggia sind die wichtigsten Werke dieser Richtung. Am kaiserlichen
Museum zu Petersburg hat Ivlenze trotz überschwänglicher Mittel keine
wahrhaft bedeutende Schöpfung hervorzubringen vermocht.

Ein anderer Künstler von verwandter Geistesart und Richtung war Carl
Theodor Ottmer aus Braunschweig (1800 —1843). Auch erfolgt in seinen
sämmtlichen Bauten dem Vorbilde der antiken Kunst, die er mit 'Reinheit und
Strenge wiederzugeben weiss; aber ihm fehlt wie Klenze und so manchen An-
deren jene höhere Genialität, die aus Schiukel’s Werken wie mit Morgenfrische
jeden Beschauer anweht. In Berlin erbaute er 1822 das Königstädtische
Theater und 1827 die Singakademie, für deren unbedeutende conventioneile
Fagade der gut angelegte und akustisch trefflich gelungene Concertsaal ent-
schädigen muss. In seiner Vaterstadt Braunschweig führte er den Neubau
des in der Revolution von 1830 zerstörten herzoglichen Schlosses bis
1836 aus, ein übermässig ausgedehntes Prachtwerk in prunkvollem korinthi-
schen Style mit grossartigem Portal, arkadengeschmücktem Hofe und kuppel-
bedecktem Treppenhaus. Der Bahnhof daselbst ist sein letztes Werk, das
bei stattlicher Anlage nur mühsam und geistlos die antike Formensprache zu
reden sucht, ohne sie für die modernen Bedürfnisse in neuen lebendigen Fluss
zu bringen.

Mit höherer Freiheit und wahrhaft genialer Schöpferkraft hat dagegen
Gottfried Semper die Bahnen der Renaissance eingeschlagen und sich in Reicli-
thum und Fülle der Ideen und ächter Grösse der Conceptionen als den einzigen
unter den neueren deutschen Architekten erwiesen, der einem Schinkel an die
Seite zu stellen ist. In dem unausgeführt gebliebenen Entwürfe für die Nicolai-
kirche zu Hamburg, sowie in der Synagoge zu D res den hat er sich den Formen
des romanischen Styles angeschlossen und die Idee des Centralbaues mit wohl-
begründeter Vorliebe betont. Sein Theater zu Dresden bewegt sich in den feinen
Gliederungen einer Frührenaissance, die aber in den Einzelformen durch griechi-
sche Bildungsweise geläutert und veredelt wird. Kräftigerund grossartiger ent-
faltet sich der Styl an dem Museum daselbst, wo die Aufgabe, den Zwinger-
bau abzuschliessen, in geistreicher Weise ihre Lösung gefunden hat. Besonders
ist hier zum ersten Mal mit glänzendem Erfolg die Mitwirkung der Plastik an
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