Deutscher Altphilologenverband [Editor]
Mitteilungsblatt des Deutschen Altphilologenverbandes — 17.1974

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wird ihm zur Gegenwart, sobald sie sich aus der Gegenwart notwendig ent-
wickeln muß. Vor einer Vernunft ohne Schranken ist die Richtung zugleich die
Vollendung, und der Weg ist zurückgelegt, sobald er eingeschlagen ist.“
Diese Darlegungen sollten unter der Devise ,Fremd- und Selbstbestimmung"
Revue passieren lassen, welche zeitkritischen Argumente einige bedeutende Hu-
manisten der beiden letzten Jahrhunderte vorgebracht und welche Maßstäbe
sie hierbei verwendet haben. Es zeigte sich, daß der primäre, der idealistische
Humanismus in seiner Axiomatik weithin mit dem bedeutendsten seiner jün-
geren Brüder, mit dem sozialistischen Humanismus übereinstimmt. Man teilt
sich in die Art der Gegenwartsdiagnose; man hat dieselben normativen Vor-
stellungen von einer wahrhaft menschlichen Existenz. Man unterscheidet sich
jedoch auf das Schärfste in den Mitteln und Wegen: dem actus mysticus der Re-
volution und der unergründlichen Weisheit der Dialektik steht der bescheidene
Ruf nach Erziehung gegenüber. Es wurde gesagt, daß allein der primäre Huma-
nismus nicht nur Ziele, sondern auch Stoffe habe, daß er allein in der Haupt-
sache ein Phänomen der Erziehung sei. Nicht zufällig hat er sich also zu seiner
Legitimation stets auf Schiller und auf die deutschen Klassiker berufen, während
er mit dem sozialistischen Humanismus nichts anzufangen wußte. An diesem
Dogma - am Dogma der Bildung als einziger realer Möglichkeit - soll auch
hier durchaus festgehalten werden, mit der Maßgabe freilich, daß man als Re-
präsentant des idealistischen Humanismus andere Humanismen nicht ignorieren,
daß man sich mit ihnen beschäftigen, daß man sie prüfen, ihr Für und Wider,
ihre Möglichkeiten und Grenzen erörtern sollte.

Caesar oder Erasmus
Überlegungen zur lateinischen Lektüre am Gymnasium
Vortrag, gehalten von Prof. Dr. M. Fuhrmann (Univ. Konstanz) auf dem Secundus
Conventus internationalis Studiis Latinitatis Humanisticae provehendis, Amsterdam
19.-24. August 1973.

Zu Beginn seines Vortrages betonte Prof. Fuhrmann, er behandle ein didak-
tisches Thema, das im Rahmen der Themen des Kongresses durchaus seine Be-
rechtigung habe. Er führte aus: „Caesar“ als Anfangslektüre ist heute sehr um-
stritten; ein Interesse der Schüler, vor allem der jüngeren, an der Thematik ist
nicht vorhanden, Sprache und Stil werden als schwierig empfunden. Die Lektüre
schreitet allzu langsam voran.
Zwei Gesichtspunkte sind bei der Auswahl der Schülerlektüre maßgebend: das
Werk und der Autor und - oder? - das „Publikum“. In der Bildungsgeschichte
wechselten die Schwerpunkte. Das 19. Jahrhundert stellte das bedeutende Werk
und die große Persönlichkeit in den Vordergrund, es interessierten das Entstehen
des Römischen Reiches und die geistigen und machtpolitischen Kräfte, die es

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