Universitätsbibliothek HeidelbergUniversitätsbibliothek Heidelberg
Metadaten

Deutscher Altphilologenverband [Editor]
Mitteilungsblatt des Deutschen Altphilologenverbandes — 21.1978

DOI issue: DOI article: DOI Page / Citation link: 
https://doi.org/10.11588/diglit.33075#0028

DWork-Logo
Overview
loading ...
Facsimile
0.5
1 cm
facsimile
Scroll
OCR fulltext
Vergleichende Lektüre nach übergeordneten Themen
Zur Methodik des lateinischen Lektüreunterrichts
Die Begründung für eine vergleichende Lektüre im Lateinunterricht stützt sich
auf einiemtheoretisches Hypothesenbündel: Vergleichen ist ein effektives Lern-
verfahren1 . Es bringt zwei oder mehr Gegenstände in ein dialektisches Span-
nungsverhältnis, das mit den aristotelischen Kategorien der Übereinstimmung
und des Gegensatzes zu beschreiben ist. In diesem Spannungsverhältnis von
Identität und Nicht-Identität gewinnen die Gegenstände Anschaulichkeit, wer-
den begreifbar und auch problematisch. Einzelheiten werden ins Licht gerückt,
werden wichtig. Das vergleichende oder synoptisch-synkritische Lernen macht
den Lernenden auf die Eigenarten der Gegenstände aufmerksam. Es motiviert
zu vertiefter Auseinandersetzung mit den Gegenständen.
Synkrisis und Synopse sind aber nicht nur elementare, sondern auch unerläß-
liche Methoden des Erkenntnisgewinns. Lernen ist anscheinend auf Vergleichen
angewiesen. Lernbar wird eine Sache nur in Beziehung zu einer anderen Sache.
Wissensstoff ist ohne den funktionalen Bezug und die Einbettung in ein dialek-
tisches Gefüge wertlos. Damm ist die Erschließung von Möglichkeiten für ein
besonders gründliches Vergleichen im Unterricht unerläßlich.
Im Lateinunterricht wird vergleichendes Lernen, Lernen durch Vergleichen,
von Anfang an praktiziert. Der Zugang zur lateinischen Sprache erfolgt durch
Konfrontation lateinischer mit muttersprachlichen Elementen. Lateinische
Sätze werden in muttersprachliche Sätze übertragen. Die Adäquatheit der Über-
setzung ist durch eine vergleichende Betrachtung zu überprüfen2. Der latei-
nische Wortschatz wird mit Hilfe lateinisch-muttersprachlicher Wortgleichun-
gen erworben. Die morphologischen und syntaktischen Eigentümlichkeiten der
lateinischen Sprache werden durch Vergleich mit muttersprachlichen Entspre-
chungen eingeprägt. Das gilt in gleicher Weise für Formenlisten, Stammformen-
reihen und Konstruktionen. Die Schulgrammatik beruht auf dem lateinisch-
muttersprachlichen Strukturvergleich. Das zweisprachige Wörterbuch fordert
zum Sprachvergleich heraus. Die Wortkunde ermöglicht außer dem lateinisch-
muttersprachlichen Vergleich auch die vergleichende Betrachtung von Wörtern
weiterer Fremdsprachen, um das Einprägen der lateinischen Wörter zu erleich-
tern. Das Übersetzen in die Muttersprache ist nur als ein Sprachvergleichendes
Verfahren möglich. Denn eine adäquate Übersetzung ist das Resultat eines
gewissenhaften Sprachvergleichs. Die synkritische Betrachtung von Antike und
Moderne, von Vergangenheit und Gegenwart, von Fremdem und Vertrautem ist
ein Prinzip des Lateinunterrichts. Demnach ist dieser ohne vergleichendes Ler-
nen undenkbar.
1 Vgl. Dieter Lohmann: Dialektisches Lernen. Die Rolle des Vergleichs im Lernprozeß,
Stuttgart 1973.
2 Der lateinisch-muttersprachliche Vergleich ist das Lernprinzip in dem Unterrichtswerk
„Nota“ des Ernst Klett Verlags Stuttgart.

4
 
Annotationen