Mitteilungen des Württembergischen Kunstgewerbevereins — 2.1903-1904

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Künftler,
f abrtkant und
Publikum*

eine Skizze im Fnnblich auf württembergirebe VerbältnilTe von
Dr. franch-Oberarpacb.

„leb febe nun auch, dafs alles <3rofse nicht blofs
Gabe der J^atur und der Zeiten ift, fondern von unferem Streben,
unferer Gnermüdlicbkeit abhängt. Die Hlten hatten es leichter, grofs
zu werden, da eine Scbultradition Tie erzog zu jenen böcbften Künften,
die uns jetzt fo grofse JHübe koften, aber um fo viel gröfser Toll auch
unter JVame werden, da wir ohne Cebrer, ohne Torbild Künfte und
Süffenfcbaften finden, von denen man früher nichts gehört noch ge-
feben hatte."* So fpriebt ein italtenifcber Kunfttbeoretiker und Künft-
ler im Jahre 1435, zu einer Zeit, als die neue Kunft, die er meint,
die beut noch allmächtige Renaiffance kaum in den Kinderfcbuben
ging, beiläufig drei JHenfcbenalter, ehe die neue Kunft in Deutfcbland
aufgenommen wird, anderthalb Jahrhunderte, ehe fie in beifpiellofem
Siegeslauf die Sielt erobert, ehe auch in Stuttgart ein grofser
„frübrenaiffance-Bau", allerdings unlogifcberweife fo genannt, das
Cuftbaus entftebt, das man — ärmliche Gpigonenweife! — nach
weiteren mehr als drei Jahrhunderten im Gefühl künftlerifcben Qn-
vermögens wieder in dem nun wirklich alt gewordenen Stile diefer
neuen Kunft aufbauen will! Schon im Jahr 1435 weifs diefer Hrcbi-
tekt, dafs „ohne Cebrer, ohne Torbild Künfte und Kliffenfcbaften
finden" müffe, wer fieb verniete, neben die erlauchten alten JMeifter
fieb zu ftellen!

jVIan möchte die Slorte, die deutlicher als alle ftilkritifeben Be-

* Ceon Battifta Hlbcrti, Deila pittura (opere volgari, cd. Bonucci, vol. IV). Ich fcblicftK
mich in folgendem, bcTondcra in der tbematifeben fragertellung vielfach an ^acob Burckbardta
©crebiebte der Renairrance in Italien an, der auch die obige Übcrletzung entnommen iTt (3. Huf-
lagc, bearbeitet von F>oltzinger, Seite 33).
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