Mitteilungen des Württembergischen Kunstgewerbevereins — 2.1903-1904

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Von Bermann Bauer.

durchziehen kann. Insgemein nennt mans paternofter; der-
gleichen bringen fie in grofser JVIenge in -prankreieb, Xtalien, auch
anderswo hin, auch in die Cürkei hinein. Sie kaufen wiederum
von fremden Orten und bringen herein ßdelfteine, Gewürz,
italienifcbe Kleine, Seiden und Baumwolle, mit deren Stricken
das CQeibsvolk fein Geben zubringt." Schon im 13.'Jahrhundert
war der Bedarf an diefen Hrtikeln ein febr grofser, nachdem
im ~}abr 120$ durch den heiligen Dominikus die Rofenkranz-
andacht* eingeführt und durch die mit vielen Xndulgenzen aus-
geftatteten Rofenhranzbruderfcbaftcn ausgebreitet worden war.

Der erfte Goldfcbmied wird erft in einer örkunde vom
'Jahr 1468 genannt. HUein man wird nicht fehlgehen, wenn
man das Vorbandenfein diefes Gewerbes febon in früherer Zeit
annimmt, da ja in gotifeber und romanifeber Zeit der Bedarf
an religiöfen Gebrauchsartikeln ein febr ftarker war.

JNacb diefen Cbronik-JVacbricbten nahm alfo die pater-
nofter m a cb e re i einen befonders grofsen Umfang in Gmünd
ein. Huch die erhaltenen Hnbänger und pattern des 16. und
17. jfaf>rbunderts im JVIufeum laffen darauf fcbliefsen, dafs die
Gmünder Scbmiedeindurtrie in letzter Cinie auf die pater-
noftermacberei zurückgebt. 6s liegt in der JVatur der Sache,
dafs ein paternofter ohne Hnbänger, mindeftens ohne ein
Kreuz, nicht gedacht werden kann. Da nun das Material des
„JVofters" meift nicht geeignet war, daraus ein Kreuz in einem
Stück berzuftellen, fondern aus mehreren Ceilen zufammen-
gefügt werden mufste, fo war eine -faffung erforderlich. Das
Sinfacbfte aber war, das Kreuz felbft ganz aus jvietall ber-
zuftellen. Biezu gefeilten fieb fpäter noch weitere Hnbänger
in form von JVIedaülen, Beiligenbildern, Hgnu9 Dei u. f. w.
Sbenfo wurden die Kügelcben bei reicherer Husfübrung mit
Kapfcln und Zwifchenteilen verfehen.

Ton der paternoftermacberei löfte fieb in der -folgezeit die
Hnfertigung von Balsfcbmuckgegenftänden, den fogenannten
„patern" ab, deren JNamen febon auf engen Zufammenbang mit
der paternoftermacberei binweift. Hucb der übrige Kleider-
febmuck, der mit dem fteigenden COoblftande am 6nde des
jVIittelalters und der darauffolgenden Renaiffancezeit beim Hdel
und den Bürgern der Städte fieb entwickelte, ftellte viel mehr
als gegenwärtig Hnforderungen an den Goldfcbmied. Die
Crachten wurden mit Knöpfen, Schnallen, Gürteln, Balske^ten,
Butagraffen u. f. w. reich geziert.

Die 6 ef ä Ts b i Idn er ei in feinen und gewöhnlichen jvietallen
und Cegierungen febeint in Gmünd in geringerem Umfang be-
trieben worden zu fein.

* Der RoTenbranz iTt buddbirtiFcben Urfprungs und wurde Tcbon in den
erften Jahrhunderten von oricntaUfcbcn JNIöncben gebraucht.
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