Verband der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein [Editor]
Die Rheinlande: Vierteljahrsschr. d. Verbandes der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein — 13.1907

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Gustav von Meviffen.

und behauptete sich das französische Recht, hier hatte
man sich eingelebt in eine saft autonome Wirtschafts-
politik. Mit den ftändischen Schranken waren die
zünstischen gefallen, und dem Manne, der offenen Geistes
und frischen Mutes war, war die Bahn geöffnet zum
Werden und Wirken.

Jn der Napoleonischen Ieit war der Sinn des Bürger-
tums auf die wirtschaftlichen Möglichkeiten hingelenkt
worden; man hatte sich daran gewöhnt, Pläne zu machen,
große Pläne; die Durchbrechung der politischen Landes-
grenzen hatte die Welt ganz anders wieder einmal als
ein großes Wirtschaftsgebiet erkennen und ausfaffen
gelehrt, und so drängten sich Gedanken lebeildig in den
Vordergrund, an die man bisher nur wie etwa an
Märchenträume gedacht hatte.

Längst war der rheinische Handel von seiner alten
Höhe gesunken. Köln war zum holländischen Ver-
mittler geworden, und keine Möglichkeit zeigte sich in
der alten Ieit, aus dieser holländischen Knechtschaft
herauszukommen. Da kam der Weltumwälzer an
den Rhein, und eine der ersten Bitten, die man ihm
vortrug, war, Köln mit Antwerpen durch einen
Kanal zu verbinden. Durch die Konkurrenz Ant-
werpenö wollte man in Köln die Alleinherrschaft der
holländischen Seehäfen brechen. Napoleon sagte zu und
ließ die Sache angreisen. Über sieben Millionen wurden
in den Kanalbau gesteckt. Da annektierte der Kaiser
Holland und gab auch hier das Gesetz. Der Kanalbau
schien ihm überflüssig, das Werk blieb liegen, und als der
Kaiser seine Herrschaft verlor, richteten die Holländer
ihre Herrschaft wieder auf und sperrten den Rhein.
Preußen sollte nun Holland entgegentreten, meinte man
am Rhein. Aber Preußen — das war wieder ganz
„agrarisch" geworden, die Junker und Bureaukraten
regierten Preußen. Was verstanden sie von moderner
Wirtschaftspolitik?

Andere aber verstanden etwas davon. Die unter
dem Druck des französischen Schutzzollsystems hervor-
gerufene maffenhaste Einwanderung rechtsrheinischer In-
duftriellen auf französisches Gebiet hatte mit dem Abzug
der Franzosen natürlich aufgehört. Die linksrheinische
junge Jnduftrie geriet ins Stocken. Aber jene Ein-
wanderung hatte doch eine nachhaltige Wirkung: die
vorteilhafte Lage Kölns zu allem Handel und Verkehr
war Vielen wieder sichtbar geworden. Dazu blieb in
Köln ein wirtschaftliches Leben erhalten. Es regte sich
etwas. Und nun zog die große Stadt die wirtschast-
lichen und politischen Jntelligenzen der Umgegend an.
Wie schon bisher die eingewanderten Elemente die be-
weglichsten gewesen waren und durch ihr Vorgehen und
Beispiel neues Leben in die alte Kölner „Gemütlichkeit",
die zum Teil schon sehr ungemütlich geworden war,
hineinkam, so erft recht jetzt, als sich seit den zwanziger
Iahren eine große Firma nach der andern in Köln
niederließ.

Was dicse Leute besaßen, war ein Doppeltes: Un-
voreingenommenheit deö Blicks, so daß sich ihnen die
wirtschaftlichen Möglichkeiten schnell offenbarten, und die
Kenntnis der Bedürfniffe ihrer ftüheren Heimat. So ver-
band sich in ihnen ganz natürlich das Intereffe irgend eines
Stückes der näheren oder serneren Umgebung Kölns mit

dem Bedürfniffe der Stadt selbft; das heißt: Stadt und
Land wuchsen ideell zusammen, die Stadt erhielt für ihr
Leben wieder einen großen ländlichen Horizont. Und
noch ein Drittes besaßen sie meist: die Ünverdroffenheit
des Handelns. Schnell ermüdet und erlahmt m rein
städtischer Atmosphäre die Luft der „Praris", während es
aus dem Lande bis heute noch heißt: Hilf dir selber,
wenn du schnell und gründlich geholfen haben willst.
Der Blick bleibt rege sür das Mannigfaltige und das
zuerst Notwendige, und das Sich-auf-andere-verlaffen
wird nicht großgezüchtet, wie in der Atmosphäre der
Stadt, wo die Arbeitsteilung bis ins kleinste durch-
geführt und notwendig wurde, und wo infolgedeffen
auch das Sich-selber-helfen-können bald eine unüber-
windliche Grenze findet.

Sie waren vorbereitet, die Männer, die da nach
Köln kamen und in der großen Stadt ihre neue Heimat
gewannen. Sie kannten die Bedürsniffe des Landes,
sie erkannten die Möglichkeiten der Stadt; aber sie waren
auch noch in ganz anderer Weise vorbereitet. An den langen
Winterabenden und nicht gestört durch vielsältig gesellschast-
lichen Verkehr hatte jenes ftarke Geschlecht die geistigen
Bedürfnisse zu stillen versucht, indem es sich durch Lesen
und ernsten Verkehr mit den vornehmsten Geistern der
Ieit die Errungenschaften der Literatur und Wiffenschast zu
eigen zu machen suchte, so eine wirklich menschlich schöne
Bildung in sich aufnahm und mit den Problemen ver-
traut wurde, die damals die besten Geister unseres
Volkes beschäftigten. Was da bürgerliche Arbeit ge-
schaffen auf allen Gebieten der Kunft, der Wiffenschast,
der Literatur, der Technik, der Gesellschaftskunde und
Volkswirtschaft, sloß hier zusammen zu einem mächtigen
und mächtig befruchtenden Strom, und so kam bei den
Begabtesten und Bevorzugteften ein Ganzleben zustande,
das an klassischer Harmonie zwischen Jdee und Tat
geradezu als Beispiel hingestellt werden kann.

Die Kölner Stadtbibliothek z. B. enthält die Privat-
bibliothek eines ehemaligen Iuristen, späteren General-
agenten, Abgeordneten und Oberbürgermeisters, des „roten
Becker". So i'ndividuell diese Bibliothek erscheint, so
viel Schätze allgemeinen Wertes enthält sie. Die gleiche
Stadtbibliothek enthält aber auch die Privatbibliothek
Gustavs von Mevissen, und sie noch in viel höhercm
Grade erregt die Bewunderung des allseitigen und
hohen Intereffes, daö dieser eine Mann an dem
Leben sciner Zeit genommen hat. Und diesen Mann
zeichnet uns Hansen. Wundert es uns noch, wenn wir
in ihm, der zu den größten Kaufleuten und Finanziers
des 19. Iahrhundertö zählt, einen Menschen kennen lernen,
der im eigentlichen Sinne ein Schüler Goethes genannt
werden kann, der mit Goethe, Heine, Börne, mit Hegel
und Saint-Simon, mit Shakespeare und den Historikern
so vertraut war, wie es ein Literat von Berus nicht
beffer sein kann? Kant, Herbart, Fichte, die soziale
Ethik, Rechtsphilosophie und Geschichtsphilosophie haben
seinen Geist geweitet. Und als er entschloffen und energisch
ins handelnde Leben, in die Politik und Nationalwirt-
schaft hinaustrat, hatte er seine Lehrjahre hinter sich;
er wußte, was er wollte. Gewiß, von tausend Dingen,
die er wollte, gelangen ihm auch nur höchftens hundert,
aber es waren Dinge, die große und bedeutende Werte

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