Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 4.1909

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GOTTFRIED SEMPERS ÄSTHETISCHE GRUND ANSCHAUUNGEN. 211

baren Schaffens- und Wirkenstrieb dieses Großen. Karl Bötticher,
mit dem Semper gern zusammengestellt wird, war groß durch seine
Konsequenz, seine Beschränkung, man möchte sagen Idiosynkrasie.
Sempers Größe liegt in der ungeheuren Spannweite seines Denkens.
Was Menschenhand und Menschengeist je geschaffen haben, sucht
er zu erfassen. Er durchdringt mit Künstlergeist das ganze Kunst-
schaffen des Menschen von den primitivsten Erzeugnissen an und
sucht große Entwickelungslinien zu ziehen. Aber nicht um histo-
rischer Resultate willen, sondern um das Wesen des künstlerischen
Schaffens, die immer wechselnden zahlreichen Bedingungen, die beim
Entstehen eines Kunstwerkes mitwirken, zu erkennen. Nie kommt es
ihm auf das Was, sondern stets auf das Wie an. Der Mittelpunkt
aller Beziehungen, von dem die Betrachtung immer ausgeht und zu
dem sie zurückkehrt, ist das künstlerische Schaffen der Gegenwart,
dessen Richtungslosigkeit, Unkultur und Unselbständigkeit ihn bald
schmerzt, bald erbittert. Doch klagt er nicht einfach an, sondern er
deckt die Wurzeln des Übels auf und schlägt Mittel zur Heilung vor,
wobei er oft in überraschender Weise seiner Zeit weit vorauseilt').
Je tiefer er eindringt in das Wesen und Entstehen der Kunst aller
Zeiten, umso klarer wird es ihm, daß die Stunde für eine neue, selb-
ständige Kunst noch nicht geschlagen hat. Nur ein großer Kultur-
gedanke, eine Reorganisation der Gesellschaft kann ihr den Boden
bereiten. Aber die Resignation, zu der diese Erkenntnis ihn zwingt,
lähmt seine Kraft nicht. So betätigt er in seinem eigenen architekto-
nischen Schaffen die Überzeugungen, die er forschend gewonnen hat.
Er sucht die Bedürfnisse der Zeit richtig zu erfassen und ihnen ent-
sprechend zu bauen, ohne sich eines historischen Stils als fertiger
Ausdrucksweise zu bedienen. Das schließt nicht aus, daß er im ein-
zelnen Motive verwendet, die der Kunst früherer Zeiten, zumal der
italienischen Frührenaissance und der römischen Architektur, entlehnt
sind* 2). Nachdrücklich betont er, daß wir einstweilen viel weniger

J) Vgl. Prinzhorn, Gottfried Semper und die moderne Kunst. Süddeutsche
Monatshefte 1908, Maiheft.
2) Über Semper als Architekten kann hier natürlich nichts von Belang gesagt
werden. Zur Orientierung können die betreffenden Abschnitte der Biographien
dienen, vor allem Const. Lipsius, G. S. in seiner Bedeutung als Architekt, Berlin
1880. — Ferner Hans Semper, G. S. Ein Bild seines Lebens und Wirkens, Berlin
1880. — Ders., G. S. in der Allgemein, deutschen Biographie. — Jos. Bayer, G. S.
Zeitschrift für bild. Kunst, Bd. XIV, Leipzig 1879. — Friedr. Pecht, G. S. in den
»Deutschen Künstlern des XIX. Jahrhunderts«. — Ders., G. S. in der 2. Aufl. des
»Stils« am Ende des 1. Bandes. — Ferner ist von Sempers eigenen Schriften vor
allem der Aufsatz »Über den Bau evangelischer Kirchen«, Leipzig 1845 (abgedruckt
in den »Kleinen Schriften«) zu berücksichtigen, sowie das Tafelwerk mit begleiten-
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