Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 4.1909

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BESPRECHUNGEN.

aufnehmen, die ästhetische Bewertungsart durchweg im Inhalt gelten lassen. Indem
Münsterberg vom ästhetischen Erlebnis ausgeht und es nur auf den ästhetischen
Wert hin bearbeitet, gelingt es ihm, unberechtigte Ansprüche einer gewohnheits-
mäßig sich vordrängenden theoretischen Bewertung in ihre Schranken zu weisen.
Dies ist das wesentliche Verdienst Münsterbergs, und alles Schwanken sowie einige
Mißgriffe im Einzelnen können diesen Grundzug nicht verdunkeln. Daß die Auf-
stellung einer Ästhetik fast durchweg Gelehrten obliegt, deren Gelehrtenbewertung
unwillkürlich sich nun auch in die Auffassung des wissenschaftlich zu betrachtenden
Objekts, hier des Ästhetischen, hineindrängt, das ist ein — verständlicher — Übel-
stand, der hier bei Münsterberg glücklich vermieden ist; er ist sich bewußt, was
neben der wissenschaftlichen Form der nichttheoretische Gegenstand von ihm
verlangt.
Um Münsterbergs Gedanken im Ästhetischen zu verstehen, ist es jedoch not-
wendig, einen wenn auch kurzen Blick auf sein Gesamtsystem zu werfen. Er geht
aus von dem, was er den »Willen zur Welt« nennt, d. h. dem Willen, daß über
das einzelne flüchtige Erlebnis hinaus ein überpersönlich geltender Zusammenhang
sich herausarbeite. Erst durch diese Forderung wird aus einem sinnlosen Chaos
stets in sich zusammensinkender wirrer Einzelerlebnisse eine zusammenhängende
sinnvolle Welt. Dieser Zusammenhang wird geschaffen durch das Prinzip der
Identität; wo eine Identität sich herausarbeitet, da ist ein wertvoller Zusammen-
hang geschaffen; was eine solche Identität schafft, ist demnach wertvoll, denn sie
ist das Strukturprinzip der überpersönlichen Welt gegenüber dem persönlichen Er-
lebnis. Es ist hier nicht der Ort für eine Kritik der Bezeichnung dieses Zusammen-
hanges als Identität, ebensowenig der Einzelheiten des Aufbaus, in dem Münster-
berg die theoretischen Werte als die »Selbsterhaltung der Welt« darstellt. Daß solche
»Selbsterhaltung« namentlich in der begrifflichen Welt der Naturwissenschaft und
in dem strengen Begriff des Objekts steckt, ist besonders klar und durch die aus-
drückliche Formulierung auch für die andersgeartete Struktur der »schönen Welt«
bedeutungsvoll. Ebenso zeigt sich in der Besinnung auf das Verhältnis zu den
»Wesen« bereits Münsterbergs Bestreben, überall vom wirklichen Erlebnis auszu-
gehen. Wir erfahren Personen, »Wesen«, nicht als wahrgenommene Objekte, deren
Willensstellungen uns durch Analogieschlüsse erst klar werden, sondern unmittel-
bar, als Veranlassung zur Stellungnahme, als Zumutung oder als Abweisung. Dieser
Unmittelbarkeitsstandpunkt kommt im folgenden auch der Ästhetik zu gute.
Eine wichtige und fruchtbare Unterscheidung führt Münsterberg noch ein: von
Lebenswerten, unmittelbar gesetzten Werten, und Kulturwerten, zielbewußt heraus-
gearbeiteten Werten. So kommt es, daß die ästhetischen Werte, die die Selbst-
iibereinstimmung der Welt ausdrücken und in dieser Weise eine Identität schaffen,
sich in Einheitswerte und Schönheitswerte im eigentlichen Sinn differenzieren. Daß
nun unter diesen ästhetischen Lebenswerten die Begriffe der Naturharmonie (des
Schönen in der Natur), der Liebe und des Glückes zu stehen kommen, kann uns
dann nicht weiter verwundern. Die drei Faktoren sind gewonnen nach der Ein-
teilung der Beziehungen zu Außenwelt, Mitwelt und Innenwelt, die Münsterberg
durchweg durchführt. Wir empfinden das Naturschöne als eine wertvolle Einheit
der Natur, der Außenwelt, und zur Außenwelt. Auf die sehr feinsinnigen Bemer-
kungen über die wertvolle Einheit, die durch Liebe geschaffen wird, wobei der
Wert ausschließlich in der Einheit, nicht in den Komponenten steckt, sowie die
wertvolle Einheit, die von der harmonischen Persönlichkeit als Glück geschaffen
wird, kann hier leider nicht eingegangen werden. Beide werden strengstens von
jeder ethischen und jeder eudämonistischen Deutung freigehalten. Als wertvolle
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