Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 13.1919

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206 BESPRECHUNGEN.

des c. 9 entwickelt wurde. Es handelt sich um schreckvolle Ereignisse, die den
Zuschauer aus der Ruhe aufrütteln, in andrer Art, aber vielleicht noch wirksamer
als Wiedererkennung und Glücksumschlag. Sie können da sein, sie können auch
fehlen, die Handlung kann darum doch tragisch sein; für die »Verflechtung« freilich
sind sie entbehrlich, und so gliedert sich das ^ao^a^ov einerseits in diejenigen
»Momente«, die zugleich eine «verflochtene« Handlung ausmachen, in nepurksia
und äva-jvopia^öz, andrerseits in das Ttäfroc;. Wir sind uns bewußt, hiermit die
scharfen Erörterungen Vahlens über den allgemeinen Gang der Gedankenentwick-
lung von c. 9—14 nicht durchkreuzt, sondern gerade gestützt zu haben, also auf
seinen eignen Wegen gegangen zu sein, auch wo wir glaubten, ihm widersprechen
zu müssen. Und daß seine Art der Beweisführung fortwährend zum Mitdenken,
Mitarbeiten und Nachbohren einladet, macht doch gerade den unvergänglichen Reiz
seines Meisterwerkes für jeden ernsten Leser aus.

Man wird bedauern, daß es Vahlen selber nicht mehr vergönnt war, die be-
absichtigte Umarbeitung ganzer Abschnitte seiner »Beiträge« noch zu vollziehen.
Die Benutzung seiner Notizen und Entwürfe beim Neudruck seiner Schriften hat
er ausdrücklich untersagt. Um so dankbarer sind wir dem Herausgeber und dem
Verlag für den sauberen Neudruck, mit dem sie das Andenken des großen Meisters
der klassischen Wortphilologie geehrt haben.

Posen. Robert Petsch.

Johannes Volkelt, Ästhetik des Tragischen. Dritte, neu bearbeitete Auf-
lage, München 1917, C. H. Becksche Verlagsbuchhandlung, XXIV u. 552 S.
gr. 8».

In dieser neuen Auflage erscheinen die Betrachtungen über das rührend Tra-
gische und das Tragikomische sowie die metaphysischen Erwägungen des Schluß-
abschnittes als besonders stark umgearbeitet; auch sind viele Beispiele aus der
neuesten Dichtung hinzugekommen. Die Eigentümlichkeit des Werkes ist aber voll
erhalten geblieben: »Die Herausarbeitung aus der Breite des Erfahrungsstoffes und
die Anschmiegsamkeit an die Mannigfaltigkeit der tragischen Schöpfungen«, um des
Verfassers Worte zu gebrauchen. Hiergegen hatte Wilhelm von Scholz in seiner
Besprechung der zweiten Auflage (diese Zeitschrift II, 433 ff.) Stellung genommen.
Ich selbst bin mit einer ausgedehnten Erfahrungsgrundlage sehr einverstanden und
habe nur einige Zweifel über die Grenzen, die bei Anpassung an die Vielfältigkeit
des Geschaffenen innezuhalten sind; mir scheint manchmal Volkelt in der Zerspal-
tung zu weit zu gehen. Aber ich bewundere die Fähigkeit, zarteste Unterschiede
bloßzulegen und Künstlerisches in Begriffen einzufangen. Auch habe ich mich, als
ich von neuem in dem Buche las, an der Darstellung erfreut, die nirgends Zwei-
deutigkeit oder Unklarheit duldet, in einem bequemen Zeitmaß fortschreitet und mit
großer Natürlichkeit die Person des Denkers sichtbar werden läßt. Daß ein so
ernstes und gründliches Buch die dritte Auflage erreicht hat — noch dazu in diesen
unseren Tagen —, darf als ein gutes Zeichen begrüßt werden.

Von den neuen Abschnitten ist der letzte der wichtigste. Seine Überschrift
»Das Tragische in Welt und Gott« weist darauf hin, daß Volkelt die »Umbildung«
(wie er sagt) der ästhetischen zu einer metaphysischen Kategorie für möglich hält.
Da nun hierbei die Hauptmerkmale des Ästhetischen, das beseelende Anschauen
und die Ablösung von individuellen Willensinteressen, völlig zurücktreten, kann es
sich nur um das objektive Gefüge des Tragischen handeln, das sich außer in Kunst-
werken auch im innerstem Grunde der Wirklichkeit finden soll. Besonders das Tra-
gische der widerspruchsvollen Größe, »wo Schuld oder Ei""''*'-"!""''* untrennbar mit
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